Muttertier – Birgit Kelle (Vorsicht: rant)

Auf lovelybooks bin ich auf Birgit Kelles neues Buch Muttertier gestoßen. Bei Fontis frisch erschienen und als „Wutmutter eines neuen Feminismus“ auf er Rückseite angepriesen, war ich sofort interessiert. Ich durfte bei der Leserunde mitmachen, bekam das Buch, las die 239 Seiten, und konnte es nicht fassen. 

Ein Frustbuch

Kelles Buch ist alles aber kein neuer Feminismus. Bereits in ihrem Vorwort schafft sie es, alle Feministen entweder alt und kinderlos oder jung und unerfahren darzustellen, noch dazu Lesben zu diskriminieren und für Leihmutterschaft verantwortlich zu machen. Wäre es kein Leserundenbuch gewesen und das Thema so wichtig für meine Dissertation, hätte ich an der Stelle vielleicht schon abgebrochen. Anderseits fand ich es auch wichtig, alles zu lesen und heraus zu finden, was da eigentlich kaputt ist.

Wir drängen Frauen in Männerleben, verteufeln das Kinderkriegen, degradieren weibliche Intuition auf das Niveau von Bachblütenromantik, verkürzen Fortpflanzungsfenster, indem wir Frauen in den Beruf einspannen. (Muttertier. S. 42)

Was Birgit Kelle macht, ist tatsächliche Probleme zu erkennen. Das kann ich nicht abstreiten. Es ist idiotisch, dass eine Frau nicht in ihrer Mutterrolle aufgehen darf, sondern dann als Mensch zweiter Ordnung betrachtet wird. Hausfrau und Mutter ist kein Ziel, das in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gezeigt wird. Das stimmt, ist aber regional unterschiedlich. Und gleichzeitig werden Frauen, die arbeiten gehen geradezu verteufelt. Auch von Birgit Kelle, die behauptet es würde dem natürlichen Wunsch jeder Frau widersprechen. Der Witz daran: Sie hat dieses Buch geschrieben. Auch Bücher schreiben ist Arbeit. Da spreche ich aus Erfahrung.

Diskriminierend

Also, wenn ihr keine Kinder wollt oder Kinder wollt und gleichzeitig arbeiten, tut mir Leid, dann ist was verkehrt bei euch. Dann widersprecht ihr eurer natürlichen Weiblichkeit. Ich übrigens auch nicht. KiTas sind böse, Homosexuelle auch und Feministen der Teufel. Ich geh dann mal kurz kotzen. Das Problem für mich ist, dass diese Behauptungen zwar ohne Belege daherkommen, aber rhetorisch so verpackt werden, als wären es Fakten. Ein klassisches „Es ist halt so“, ein Frustbuch, kommt es mir vor.

Nirgendwo protestieren Feministinnen gegen diese menschenverachtende Praxis [gemeint ist hier Leihmutterschaft], die man ehrlicherweise als das bezeichnen muss, was sie ist: moderner Menschenhandel. Was sollen sie auch sagen, die Damen Feministinnen, es sind ja auch gerade ihre lesbischen Schwestern, die diese Option rege nutzen. (Muttertier. S. 9)

Ja, die für mich wirkt die Autorin konsequent gefrustet. Weil ihr die Bezeichnung der „Nur-Mutter“ auf den Zeiger geht und sie nicht versteht, dass Wahlfreiheit nicht heißt, dass alle Frauen nur noch zu Hause bleiben wollen. Das zeigt sie sehr emotional. Das Buch beginnt mit ihrem Gefühl der Mutterschaft. Der unumstößlichen Liebe zu ihrem Kind. Toll. Bilderbuch. Kenne ich auch. Und dann krätscht sie rein, dass es allen Frauen so ginge, wenn sie Mutter werden. Dass alle Frauen sich das natürlich wünschen, weil Frausein und Muttersein das gleiche bedeutet und Muttersein Weiblichkeit pur ist.

Große Wut und keine Lösungsansätze. Muttertier von Birgit Keller hat mich komplett enttäuscht
Eine Zumutung

Da schüttle ich entgeistert den Kopf. Was ist mit postnataler Depression. Frauen, die keine Kinder bekommen können. Frauen, die verdammt noch mal gar keine wollen. Mütter, die ihre Kinder verhungern lassen. Männer, die Hausfrau und „Mutter“ sind. Sie gibt selbst zu, dass es die gibt und sie sie ausklammert. Und ich komme mit der unterschwelligen Behauptung, das seien dann keine richtigen Frauen und Männer dazu schon gar nicht in der Lage, nicht klar. Vielleicht ist mein Erfahrungskreis größer oder aber einfach mein Leben nicht so frustrierend. Glaube ich beides nicht.

Ein Vater, der sich um seine Kinder kümmert, ersetzt nicht die Mutter, er ist ihnen ein Vater. Er wird sich im Übrigen, falls man ihn noch nicht zu einem männlichen Waschlappen umerzogen hat, in der Regel nicht einmal annähernd so um die Kinder kümmern, wie eine Mutter das tun würde. (Muttertier. S. 57)

Ich empfinde dieses Buch als Zumutung. Weil Brigit Kelle scheinbar keine Ahnung hat, was Feminismus heute ist und warum das wichtig ist. Weil sie nur sich selbst sieht und im Buch sehr egoman daherkommt. In jedem Punkt sieht sie sich als Opfer, tritt gegen Politiker und Menschen, die nicht in ihre Schubladen passen. So gut sie die Probleme erkannt hat, so falsch geht sie dagegen an. Mit Angriffen und Tiefschlägen, aber ohne Argumente, die schlüssig wären. Und vor allem ohne Lösungsvorschlag. Muttertier ist ein Wutbuch, ein Frustbuch, ein zorniges, mit dem Fuß aufstampfendes Kleinkind.  

Kommentare

  1. Ojemine! Nur gut, dass ich an dieser Leserunde nicht teilgenommen hab! Schade, dass es keine autorenbegleitete LR war. Das hätte mich sehr interessiert, wie sie mit deiner Meinung umgegangen wäre. Ich glaube, ich schaue mal in die LR rein, war auf LB, oder?

    Jeder darf ja seine Meinung haben, aber so diffarmierend, wie sie scheinbar über alle möglichen Mütter, Frauen, Männer, Menschen schreibt, die nicht so ticken wie sie, sollte öffentlich in keinem Buch verkauft werden.

    Danke für diesen Rant, den ich von Herzen gerne teile!

    GlG vom monerl

  2. Was ich als Mutter vor allem gelernt habe: Eltern werden und sein, ist eine einzigartige persönliche Erfahrung, die man zwar vergleichen kann, die aber letztendlich unvergleichlich bleibt und das im ganzen Specktrum der Emotionen.
    Meine biologische Uhr war laut und zwanghaft. Anderen Frauen geht es nicht so. Nach der Geburt war ich weder total verliebt noch abgestoßen. Es war ungewohnt und ich musste mich mit dem neues Menschlein erstmal bekannt machen. Anderen geht es anders. In manchen Familien ist Papa der Kuschelpart und Mama die strenge. Mutter sein nervt auch, die eine mehr, die andere weniger und manch ein Papa ist lieber die Mama.
    Die eigenen Erfahrungen als die einzig wahren und richtigen darzustellen, klingt nach einer bescheidenen Sicht auf die Welt und ihre Vielfalt.
    Mit dem Feminismus passiert im Grunde das, was mit vielen anderen Idealen auch passiert, die Wahrnehmung des Begriffes kippt. Waren der Begriff und seine Bedeutung zu Beginn ein edles Bestreben nach Freiheit und Offenheit, das Frauen das ganze Spektrum an (beruflichen) Entfaltungsmöglichkeiten bieten sollte, wird Feminismus mittlerweile oft als Bewegung angesehen, die häusliche Werte und Mutterschaft als Sklaverei verteufelt. Das ist das Problem der Extreme. Irgendwie scheint es schwer, die Balance zu halten.

  3. Wie verschroben müssen ihre Eltern erst sein, damit man solche Ansichten als erstrebenswert hält? Ich finde es traurig nach Mama und Papa zu unterscheiden. Auch ohne eigene Kinder weiß ich, wie wichtig Familie als Ganzes ist. Wie sich eine Familie gestaltet soll dann jeder für sich selbst ausprobieren.
    Ansonsten habt ihr alles schon dazu gesagt.

Ich freu mich über eure Meinungen