Mit Sepia ins Schwarze Treffen: Torben Kuhlmann im Interview

Torben Kuhlmann ist ein wirklich genialer Kinderbuchautor und Illustrator. In mehr als zwanzig Sprachen wurde sein erstes Buch Lindbergh übersetzt, mit Maulwurfstadt greift er direkt das Thema Industrialisierung auf und nun ist frisch Armstrong erschienen, das an Lindbergh ansetzt. Der fabelhafte Nord Süd Verlag hat es mir ermöglicht, den Autor/Illustrator auf der Frankfurter Buchmesse zu interviewen. Und er hat Schreibtrieb einiges zu erzählen.

Schreibtrieb: Nach Lindbergh ist mit Armstrong nun deine zweite Mäuse-Geschichte erschienen. Außerdem gibt es noch die Maulwurfstadt mit, der Name verrät es, Maulwürfen als Protagonisten. Warum eigentlich Mäuse? Warum Maulwürfe?
imageTorben: Die Maus in Lindbergh ergab sich zwangsläufig aus der ursprünglichen Idee, dass eine Maus eine Fledermaus entdeckt und dadurch inspiriert ist, das Fliegen zu lernen. Es durch Erfindungsgeist zu ermöglichen, Flügel zu bauen, stand also am Anfang. Auch das Wortspiel Fledermaus-Maus brachte mich von Vorneherein zu einer Maus als Hauptcharakter. Dann kamen immer mehr Details dazu, die die Idee noch untermauert haben. So konnte ich beispielsweise die Mausefalle einbauen, die zu der Zeit, in der Lindbergh spielt, erfunden wurde.
Ähnlich war es bei der Maulwurfstadt. Ich finde es leichter, wenn Geschichten als leichte Parallele zu unserer Gesellschaft angelegt sind, als Fabel, durch die in der Tierwelt etwas erzählt wird, um in der Menschenwelt etwas zu vermitteln. Hier war ich auf der Suche nach einem Tier, das seine Umwelt verändert. Ein Maulwurf ist da gewissermaßen wie ein Mensch. Man sieht, dass er da ist und wenn mehr da sind, sieht man das auch, weil überall Maulwurfshügel entstehen. Und dann war da die Idee zu sagen, was würd denn geschehen, wenn Maulwürfe tatsächlich mehr wie Menschen wären.

Schreibtrieb: Da sind wir im Prinzip schon mitten in der nächsten Frage. Was ist denn zuerst da, das Bild oder die Idee, der Plot, die Geschichte?
Torben: Die entstehen ziemlich parallel. Meist ist es so, dass ein grober Handlungsbogen entsteht und sich daraus sich erste Bilder ergeben, die ich unbedingt malen will. Dann erst kommt das Drumherum: das Konstruieren der Geschichte, die Zeichnungen und Handlungsdetails.

Schreibtrieb: Du hast vor der Veröffentlichung von Lindbergh in einer Werbeagentur gearbeitet. Wie kommt man von der Werbung, die sich ja primär eher an Erwachsene richtet, auf ein Kinderbuch?
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Torben Kohlmann zeichnet auf der Frankfurter Buchmesse
Torben: Das war alles etwas ungeplant. Ich hab während des Studiums noch nicht so genau gewusst, wohin ich möchte. Es gibt für Illustratoren viele verschiedene Bereiche. Ich dachte immer, mein Hauptbereich wäre irgendwann Zeitschriften- und Magazinillustration. Als ich mit meinem aktiven Studium fertig war, ergab sich die Möglichkeit in einer Werbeagentur festangestellt zu arbeiten. Ich hab das einfach als Chance ergriffen. Das war eine sehr spontane Entscheidung. Genauso wenig habe ich intensiv darauf hingearbeitet in den Kinderbuchmarkt zu kommen. Ich wollte nur gerne mal ein Kinderbuch machen und habe dazu dann meine Diplomarbeit als Anlass genommen.

Schreibtrieb: Das heißt Lindbergh ist im Prinzip deine Diplomarbeit.
Torben: Ja, es IST meine Diplomarbeit.

Schreibtrieb: In deinen Büchern geht es immer um Technik, um Fortschritt, Entwicklungen und Erfindungen. Wie ist denn dein Verhältnis zur Technik?
Torben: Ich war schon immer fasziniert von Technik und mag den Ingenieursgedanken sehr. Als ich klein war, hab ich selber viel gebastelt und gebaut. Deshalb hab ich schon immer eine starke Technikaffinität gehabt. Ganz besonders für die großen Schritte, die großen Erfindungen, die Quantensprünge. Die Erfindung des Automobils, die Erfindung des Flugzeugs. Ich finde einfach den Gedanken faszinierend, dass es früher Leute gab, die in ihrer Garage Sachen zusammengeschraubt und dann daran getüftelt haben, bis es geklappt hat.

9783314103483_200Schreibtrieb: Auf jeden Fall eine sehr spannende Sache. Deine Bücher werden ja nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen sehr gerne gelesen. Glaubst du denn, dass es genau daran liegt, dass du die Begeisterung für den Fortschritt so einfängst?
Torben: Ja, das spielt mit Sicherheit auch eine Rolle. Ich hab mir wenig Gedanken über Zielgruppen gemacht und nicht auf den Markt geschielt. Die Zielgruppe war erstmal ich. Ich wollte eigentlich ein Buch machen, dass mich jetzt noch anspricht mit technischen Details und Versiertheiten, aber Gleichzeitig noch eine Geschichte zu erzählen, die ich damals als Kind gerne gelesen hätte. Und das scheint gerade bei vielen Vätern auch zu funktionieren.

Schreibtrieb: Dadurch ist dein Buch auch noch mit Lehrbuch. Es geht um Scheitern und trotzdem weitermachen. Du hast selbst gesagt, die Mausefalle wurde tatsächlich zu der Zeit, in der das Buch spielt, erfunden. Es ist also nicht ungeschichtlich. Siehst du dein Buch selbst eher als Lehrbuch, um was mitzunehmen, oder als Unterhaltung.
Torben: Es gibt diese interessanten Bücher, die ich selber auch gerne gelesen habe. Fiktive Erzählungen, die sich mit Themen beschäftigen und deshalb ein Interesse wecken für die eigentliche Thematik. Armstrong spielt mit Elementen der Luftfahrt und ich hoffe eigentlich, dadurch beim Kind Begeisterung dafür aufkommt zu lassen.
Inszeniert Geschichten: Torben Kuhlmann
Inszeniert Geschichten: Torben Kuhlmann

Schreibtrieb: Wie lange dauert es denn, von den ersten Bildern deiner Geschichten, bis das Buch fertig gezeichnet ist?
Torben: An der ersten Fassung von Lindbergh habe ich im Rahmen der Diplomarbeit sehr lange gearbeitet, etwa ein Jahr. Maulwurfstadt brauchte wesentlich kürzer, ungefähr drei Monate – das ist ja auch ein „normal langes Bilderbuch“. Armstrong war knapp getaktet, aber da hatte ich ziemlich schnell ein durchgehendes Konzept. Und dann ging es nur noch darum die Bilder in fertige Bilder zu übersetzten. 9 ½ Monate hat das gedauert, 8 Monate für die reine Zeichenarbeit.

Schreibtrieb: Du hast ja mit Lindbergh direkt ins Schwarze getroffen. Es wurde in 20 Sprachen übersetzt und ausgezeichnet. Konntest du dir das vorher so vorstellen?
Torben: Nein, eigentlich war der Gedanke, dass die Diplomarbeit es vielleicht schafft, wenige Liebhaber zu finden, weniger beim großen Verlag, als in einer kleinen Nische. Genauso gut hätte sie in der Schublade liegen bleiben können. Ich bin da auch so rangegangen. Auch weil das Buch eher unüblich für den deutschen Markt ist. Im Studium wurde uns gesagt, mit einem brauntönigen Buch bräuchte man da gar nicht zu kommen und mein Buch ist voll mit Sepia- und Brauntönen.

Schreibtrieb: In deinen Büchern verknüpfst du Technik und Natur. Du hast selbst schon Parabel und Fabel genannt. Wie siehst du den Umgang der Menschen mit dem Fortschritt?
imageTorben: Maulwurfstadt ist da die direkteste Aussage meinerseits. Mehr Bewusstheit für die größeren Zusammenhänge ist wichtig. Viele Probleme kommen daher, dass wir uns einkapseln und nur als kleine Individuen sehen und nicht den Blick erweitern. Die Maulwürfe reflektieren nicht, was sie da machen. Sie beobachten nicht, was im Großen und Ganzen passiert. Aber darin verpackt ist auch die optimistische Botschaft, dass es nie aussichtslos ist.

Schreibtrieb: Also der klassische Mittelweg zwischen Natur und Kultur. Aufklärerisch wird das Buch durch die lehrenden Elemente. Und auch die Romantik habe ich gefunden in der Fernsucht/Sehnsucht. Hast du dir das vorher so genau überlegt?
Torben: Das ergab sich ein bisschen auf der Übererlegung, die Geschichte zu konzipieren. Ich habe mir überlegt, ich will nicht nur eine Maus fliegen lassen, sondern habe mich auch viel mit Charakterzeichnung und Charaktermotivation beschäftigt. Da kommen dann Überlegungen hinein, Elemente wie Sehnsucht zu verwenden, um dann am Ende ein noch positiveres Ergebnis zu zeigen.

Schreibtrieb: Das hat auf jeden Fall funktioniert. Deine Bücher sind etwas ganz Besonderes und begeistern bei uns einfach alle. Was kommt als nächstes?
Torben: Erste Konzepte liegen auf dem Tisch, aber es ist noch nichts spruchreif. Ich hab einen kleinen Stapel eigener Ideen, die noch auf dem Weg sind, ganze Geschichten zu werden. Es geht auf jeden Fall weiter. Probleme habe ich, mich mit fertigen Texten zu beschäftigen und nur zu zeichnen, weil ich gerne inszeniere. Das funktioniert in der Kombination von Text- und Bildebene. Da sehe ich meine Stärke. Nicht nur als Illustrator, sondern als Geschichtenerzähler mit Wort und Bild.

Schreibtrieb: Vielen lieben Dank Torben für das spannende und ausführliche Interview. Ich bin extrem beeindruckt. Danke auch an den Nord Süd Verlag!

Gewinnspiel

Auf der Buchmesse habe ich nicht nur an mich gedacht. Natürlich habe dabei nicht nur an mich gedacht. Darum verlose ich an alle, die es dieses Jahr nicht nach Frankfurt geschafft haben, eine Tasche, randvoll mit Erinnerungen an die Buchmesse. Ein großer Dank geht dabei an Tanja von Mainwunder, die die Taschen für den Blogger Future Place dabei hatte und mir von den übrig gebliebenen noch eine für euch mitgegeben hat. Ich habe dann „nur“ noch ergänzt. Gewinnen kann jeder über 18, der mir in einem Kommentar unter einem der Beiträge über die Frankfurter Buchmesse 2016 schreibt, dass er gewinnen will. Ihr habt also auch die Möglichkeit, Lose zu sammeln. Das Gewinnspiel läuft bis zum 08.12.2016. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Kommentare

  1. Danke für diese Vorstellung! Den Autor und seine wunderschönen Bücher kannte ich noch gar nicht. Liegt vielleicht daran, dass meine beiden Töchter erst knapp 1 Jahr und etwas über 2 Jahren sind. Hab die Bücher gegoogelt und ich liebe die Zeichnungen. Werde bei Gelegenheit mal in den nächsten Buchhandlung ins Buch schauen. Real sind sie bestimmt zauberhaft.
    GlG vom monerl

Ich freu mich über eure Meinungen