Mimikry – Philipp Albers, Holm Friebe (Hg.)

Ein Literaturverwirrspielbuch? Nichts wie her damit, dachte sich mein Literaturwissenschaftlerinnenherz das gleichnamige Buch zum Spiel Mimikry zog bei mir ein, erschienen bei Blumenbar (Aufbau Verlag) 2016. Herausgegeben wurde das Buch von Philipp Albers und Holm Friebe.
MimikryDas Spiel Mimikry ist schnell erklärt und doch nicht ganz einfach zu verstehen. Eine Gruppe Menschen trifft sich, ein Spielleiter wird festgelegt. Dann begeben sich die Teilnehmer auf Buchsuche und wählen einige Werke aus, die „gespielt“ werden sollen. Der Spielleiter liest einige möglichst prägnante Stellen aus dem jeweiligen Buch vor, bis die Teilnehmer glauben, den Stil nachvollziehen zu können. Dann wird geschrieben. Die Teilnehmer versuchen den ersten Abschnitt des Buches zu verfassen, besser gesagt einen möglichst authentischen ersten Abschnitt für das Buch.
Diese ersten Abschnitte diverser Spielabende sind nun in Mimikry gesammelt. 400 Seiten voller Einstiege, die sich mal mehr, mal weniger ähneln. Die Auflösung gibt es selbstverständlich auch. So wird Mimikry – das Buch – zu einem eigenen Ratespiel. Erstaunlich, welche Formulierungen da erzeugt wurden, welche Ansätze, welche bekannten Phrasen und literarischen Größen eingebaut wurden und wo die Texte kreuz und quer durcheinandergehen.
Mehr als nur ein Ratespiel ist das Buch Mimikry aber bei weitem. Es ist eine Momentaufnahme der Literatur, durchzogen von Nachkriegsliteratur und Lyrik, Gegenwartsliteratur, fremdsprachiger und deutscher Literatur. Romantisches und Tragisches, Humoristisches, Verwirrendes und Spannendes. Mimikry besticht auch deswegen als Querschnitt durch die Literatur, weil so viele Genres und Epochen der neuen Literatur zur Sprache kommen und eine Vielfalt auf den (im Vergleich dazu) wenigen Seiten greifbar wird, die kaum ein Regal zu bieten hat.
Neben diesem Einblick in so unterschiedliche Bücher wird zu den einzelnen Spielabenden auch in die Runde geschaut, in den jeweils eigenen Stilen der Spielleiter. Der/die Gastgeber/in und das Ambiente wird unter die Lupe genommen, mal mehr, mal weniger ausführlich. Auch die Vorstellung der gespielten Bücher erfolgt unterschiedlich. Wie bei den einzelnen Büchern dominiert also auch hier die Varianz, die Vielseitigkeit, die kein Muster kennt.
Vielleicht stimmt es nachdenklich, wenn einem just die Romananfänge aus der Feder des einen oder anderen Mitspielers immer am authentischsten erscheinen, vielleicht ist es aber auch die geballte Ambivalenz, die aus den einen Zeilen einen Romananfang machen, aus den anderen einen Spielbeitrag, fest steht, Mimikry regt zum Nachdenken an. Über das geschriebene Wort, über Sprache und Literatur an sich und die Kunst des Nachahmens.

Ich freu mich über eure Meinungen