Meine deutsche Literatur seit 1945 – Marcel Reich-Ranicki

Der 2013 verstorbene Marcel Reich-Ranicki hatte das Zeug zu einer Literaturkritikerlegende – und hat es genutzt. Seine Kritiken waren heiß erwartet und gefürchtet und er wusste ob der seltsamen Hassliebe zwischen Kritikern und Literatur. Wir Blogger merken von dieser Hassliebe selten etwas. Wir suchen uns die Bücher aus, die wir lesen wollen, und je nachdem wie gut wir uns kennen, verzeichnen wir ganze Reihen von Lobgesängen, die oft wenig mit Literaturwissenschaft zu tun haben. Eine Dozentin sagte einmal, wir könnten keine Rezensionen von einem x-beliebigen Blog für unsere Referate nutzen. Ich bin anderer Meinung. Denn wie will ein Literaturwissenschaftler die Stimmen der Leserschaft, die der Rezipienten, richtig aufnehmen, wenn nicht gerade durch Blogs, die nichts anderes als das sind – Stimmen der Leserschaft. Wichtigeres gibt es für Bücher, Verlage und Autoren kaum.

Auch Reich-Ranicki war eine Stimme der Leserschaft. Eine geschulte gewaltige wichtige Stimme. In Meine deutsche Literatur seit 1945, herausgegeben von Thoman Anz bei DVA in diesem Jahr mit 570 Seiten, sind 71 Beiträge des Urgesteins der Literaturkritik gesammelt, darunter nicht nur Kritiken, sondern auch Artikel, die allgemeiner die deutsche Literaturlandschaft ins Auge fassen. Die ersten Texte sind dabei ursprünglich im Polnischen erschienen und später übersetzt worden. Zeitliche umfasst die Sammlung die Arbeiten Reich-Ranickis von 1957 bis 2008.

Meine deutsche Literatur seit 1945Die Texte sind nicht nach Alphabet oder Datum sortiert, sondern, so weit möglich, thematisch. Am Ende finden sich auch einige verschriftliche Kritiken aus dem Literarischen Quartett, jener Literaturkritiksendung des ZDF, die jetzt wiederbelebt wurde. Bereits ein flüchtiger Blick über das Inhaltsverzeichnis stellt fest, dass gleich mehrere Romane Grass’s besprochen sind, doch auch andere Namen finden sich öfter, manchmal auch versteckt in anderen Texten. Dürrenmatt, Bernhard, Johnson. Mir ist außerdem aufgefallen, dass gerade bei den älteren Arbeiten eher Männer besprochen wurden, die jüngeren auch öfter Autorinnen zum Thema haben. Ein Zufall bei der Auswahl – kann sein, glaube ich hier nicht. Ein (unterstellter) Wandel der Zeit und eine Stärkung weiblicher Schriftsteller – vermute ich einfach eher.

Die Kritiken sind beeindruckend. Ausführlich werden die Romane besprochen, die Angst vor „Spoilern“, die jedem Buchblogger geläufig ist, gibt es hier nicht. Ein Roman wird besprochen – bis zum Ende. Und darüber hinaus. Denn Reich-Ranicki bespricht nie einfach nur einen Roman, er analysiert bisweilen, zeigt andere Werke des Autors oder der Autorin auf, setzt das Werk in einen biografischen, historischen und werkimmanenten Zusammenhang. Gerade die älteren Kritiken sind dabei oft auch länger, schweifen ab, liefern dabei aber ein runderes Bild von der Umwelt des vorgestellten Werkes. Das gilt für lobende wie vernichtende Kritiken, denn Reich-Ranicki lässt vielleicht manches aus, argumentiert aber bis zum Schluss und über jeden Punkt, der ihm wichtig erscheint.

Der Wandel der Zeit geht dabei auch an ihm nicht vorbei. Liest sich die Rezension der Blechtrommel beispielsweise ernüchternd (ich persönlich mag das Buch sehr), gesteht er dem Roman bei der Besprechung von Katz und Maus zu, eine „Sensation“ gewesen zu sein. Er zeigt sich tatsächlich einsichtig, wenn auch der Erfolg des Romans nichts an seiner persönlichen Meinung geändert hat. Er bleibt sich treu. Diese zwei Eigenschaften halte ich für die wichtigsten in der Kritikerwelt.

Freilich ist Meine deutsche Literatur seit 1945 kein Buch für jeden. Es ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Beiträgen. Für Literaturwissenschaftler, Kritiker, Historiker – und alle die sich mit diesen Dingen in ihrer Freizeit auseinandersetzten – dagegen ist das Buch eine Pflichtbesatzung fürs Bücherregal. Denn neben der persönlichen Entwicklung des Kritikers sehen wir hier die Entwicklung eines Literaturmarkts über ein halbes Jahrhundert hinweg. Thematisch, stilistisch und gesellschaftlich können wir viel an den Kritiken von Reich-Ranicki ablesen. Vielleicht betrifft dies vor allem den „hohen“ Literaturbetrieb. Aber der entwickelt sich immer mit der Welt mit.

Ich freu mich über eure Meinungen