Mein Jahrhundert – Günter Grass

Günter GrassMein Jahrhundert (384 Seiten) ist mehr Anthologie oder Sammlung, als eigenständiger Roman.
In 100 Kapiteln – für jedes Jahr von 1900 bis 1999 eines, erzählt er eine kleine Geschichte, meist aus der Ich-Perspektive. Der Erzähler ist dabei stets dem Jahr angepasst, zu dem seine Geschichte gehört, auch wenn es bisweilen Rückblicke sind, Erinnerungen der Figuren. Manches ist dabei wörtliche Rede und Dialog, wobei es schwer ist, zu folgen. Ein anderes Mal wird über mehrere Kapitel ein Treffen zweier Autoren erzählt, aus Sicht einer jungen Frau. Die Eigenarten der Autoren spielen hier genauso rein, wie die Bevormunden, die die Erzählerin zu tragen hat. Dabei wird es verständlicherweise mitunter brisant. Der erste Weltkrieg fällt noch vergleichsweise harmlos aus im Vergleich zum zweiten, der immer wieder vorausgehahnt und dann auch kräftig aufgearbeitet wird (wie sonst bei Grass). Auch der Aufbau der Bundesrepublik ist schön gezeichnet. Immer wieder werden Fragen gestellt und nie wirkliche Antworten geliefert. Im Grunde ist das Buch eine besondere Form des Geschichtsbuch. Ein Versuch, die Gedanken der Menschen festzuhalten und mehr zu zeigen, als Daten und Fakten.
Auch wenn er mitunter fragwürdig auftreten mag, mag ich Grass‘ Stil zu schreiben und was er zu sagen hat. Es steckt immer ein bisschen Warnung zwischen seinen Zeilen. Er nimmt die Meinung, Hitler sei nur ein Modephänomen und zeigt wenig später, wie die SS durch die Straßen zieht. Schein und Sein, Wirklichkeit und Vorstellung grenzen dicht aneinander. Das, was die Menschen sich gedacht haben und die Wahrheit sind dabei so ähnlich wie verschieden. Diese Mischung darzustellen ist schwierig, aber Grass gelingt es.
Die Idee diese 100 Kapitel so unterschiedlich zu gestalten, manche sogar in Mundart, andere als Brief, aus so verschiedenen Perspektiven, das zeigt nicht nur die Kunst des Meisters, es zeigt auch die Varianten, die in eine Gesellschaft mit rein spielen, alles, was so verborgen liegen kann. Das finde ich faszinierend und auch faszinierend umgesetzt. Gleichzeitig zeigt sich hier wie Vielseitig der Mann schreiben kann, der mit Die Blechtrommel die Nachkriegsliteratur gezeichnet hat.
Dass Grass hier nicht nur einer Linie treu bleibt, sondern eben wirklich alle zu Wort kommen lässt (Männer, Frauen, Kinder, Rechte, Linke, Konservative, etc.) zeigt, wie viele Gedanken in dem Buch stecken. Wie viel die kurzen Episoden, die oft nicht mehr als ein paar Seiten lang sind, doch aussagen können. Und sie bewirken, dass ich zumindest mit auch nach dem Lesen noch Gedanken mache, was passiert, wenn viele solche Gedanken haben oder wie es wäre, wenn es nur wenige sind. Ob manchmal einer schon zu viel ist und ob es nicht erschreckend ist, dass wir heute gar nicht so anders ticken.
Mit Mein Jahrhundert hat Grass nicht einfach nur Geschichten aneinandergereiht, sondern er hat umfassend gezeigt, wie viel in uns Menschen, ins uns Deutschen und zwischen zwei Buchdeckeln stecken kann. Interessant, oft erschreckend, manchmal furchtbar, aber immer faszinierend.

Kommentar

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