In der Schwebe

Ich lebe in der Schwebe, zwischen heute und morgen, zwischen Leben und Tod. Eine Gelassenheit, die mir Angst macht, hat mich befallen, infiltriert mein Sein und meinen Geist. Alles wird zur Frage. Essen? Denken? Atmen? Unscheinbar ist die Realität. Realität?

Anni Matthes sprach vom Nebel, der uns befällt, wenn wir wissen, wer wir sind, wo wir hinwollen. Dieser Nebel ist ein anderer, ein stärkerer. Ich weiß, wer ich bin, ich bin der Nebel. Ich weiß, wo ich hinwill, allein das Sein beschwert mich. Schemen um mich, falsche Lacher, trübe Farben. Das Unverständnis für die, die weitermachen, die den Blick abwenden, obgleich sie die Oberflächlichkeit des Lebens erkannt haben. „Schreit auf“, will ich rufen und verstumme unter mir. Ich treibe durch den Tag, ohne Halt, ohne Druck. Die Befreiung ist mörderisch.

Stimmen stören die Stille um mich. Licht erregt die deckende Dunkelheit. Nur eine Weile, lasst mich nur eine Weile in dieser süßen Qual der Schwebe. Ich will beobachten, will nicht teilhaben, will nicht sein. Macht und lasst mich analysieren. Die Teilhabe an der Oberflächlichkeit wäre so viel schlimmer, das Unvermögen, etwas zu ändern, bedrückt mich. Befreiende Abgabe der Verantwortung. Ich unterliege fremden Rechten, ich entscheide nicht. Nur eine Weile.

Während ich beobachte, und meine Stimme laut werden will, ein Anlauf nur, eine Weile des Vorspiels, ehe das Leben mich übermannt, mir neue Form gibt und die Schwebe löst. Seelige Schwebe. Geistige Auszeit, die mir nicht gegönnt sein will, weil mein Geist selbst mehr sucht. Immer auf der Suche nach einem Halt außerhalb meiner selbst. Lass mich mir genüge sein. Eintauchen in den Nebel, in mich selbst, nur für eine Weile in mir selbst vergehen. Mir eingestehen, was mich abstößt, mir flüstern, was sonst unsagbar ist.

An allen Fäden wird an mir gezogen, gerissen, in die Schwebe, aus ihr heraus. Metamorphose – erst wenn ich ihnen entgehe, wenn ich einen Moment finde, die vollkommene Schwerelosigkeit, losgelöst von dem irdischen, dem himmlischen, dem höllischen. Dort bin ich. Und aus ihr heraus kann ich kommen, mit neuen Worten, neuem Tatendrang. Belasst mich nur eine Weile in der Schwebe, die mir so süß verhasst ist, die ich ersehne, wie ich sie abstoßen will. Wie das Leben selbst.

Sie löst mir die Unsagbarkeit und gibt mir die Kraft, zu reden, wenn Schweigen einfacher wäre, zu handeln, wenn Abwarten verlockend erscheint. Meine Quelle, Jungbrunnen meiner Seele. Ich bin in der Schwebe, denn ein Hauch reichte aus, mich dort zu vergessen und vollständig zum Nebel zu werden.

©Eva-Maria Obermann

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