Haldis Liebing – Die letzte Fahrt vom Nikolaus

Auf dem letzten Bücherflohmarkt habe ich einen kleinen Schatz gefunden. Die letzte Fahrt vom Nikolaus von Haldis Liebing. Weil das Inhaltsverzeichnis lose war, bekam ich das Buch am Ende sogar umsonst, dabei wäre es jeden Cent wert gewesen. Ein Titel, der an ein Kinderbuch erinnert. Mit Bildern, auch kinderbuchtypisch. Doch der Inhalt, der Inhalt ist wahrlich auch etwas für eingefleischte Erwachsene.

Der Nikolaus macht sich auf, den Kindern Naschereien zu bringen. Weil er Frau Holle unachtsamerweise etwas wegen der kratzigen Unterhosen angeblökt hat, die sie ihm extra strickte, schickt sie ihm einen fiesen Winterwind. Brr. Noch dazu hat er seinen Proviantbeutel beim Einstieg in den Schlitten verloren und sitzt nun mit grummelndem Bauch im eisigen Wind in seinem luftigen Fahrzeug. Und der Nikolaus, das ist ja so schön, ist auch nur ein Mensch. Not macht erfinderisch und skrupellos auch noch. Der Nikolaus vergreift sich doch glatt an den Süßigkeiten. Er futtert Marzipan und Printen, Makronen und Plätzchen und die Pferde, die den Schlitten ziehen bekommen die Äpfel.

Schlimm sieht es aus, als er endlich die Kinder erreicht, sind die Säckchen ganz schön leicht geworden. Und die Stiefel vor den Türen werden nicht so gut gefüllt, wie all die Jahre zuvor. Noch dazu kommt, dass der Nikolaus vor lauter Süßigkeiten und schlechtem Gewissen ganz schön Bauchweh bekommen hat. Eigentlich will er nur noch ein Klo, wird aber weder von den Nachbarn noch von der Polizei ernst genommen. Verdient ist halt verdient.

Als er schon keine Hoffnung mehr für sich sieht, läuft ihm Herr Dickmann über den Weg, dessen Frau Wehen bekommen hat und dringend ins Krankenhaus muss. Frau Dickmann also mit dem mehr oder weniger dicken Bauch. Der Witz ist hier nicht nur versteckt, für die großen, sondern auch ganz offensichtlich, für all die kleinen Gemüter. Der Nikolaus wäre ja nicht der Nikolaus, wenn er die Gebärende nicht mit dem Schlitten in Windeseile zum Krankenhaus bringen würde.

Im Krankenhaus findet der Nikolaus nicht nur eine Toilette, sondern auch Schwester Käthe, die ihm ein ausgiebiges Frühstück spendiert, als wäre das Bauchweh nicht schlimm genug gewesen. Doch der Nikolaus haut tüchtig rein und erfährt von Schwester Käthe, dass die Menschen auch ganz gut ohne den Nikolaus auskommen können. Dann würden eben andere die Stiefel füllen, die Kinder merken das ohnehin nicht. Einen Freiflugschein quasi für den müden Nikolaus. Zum letzten Mal zieht er für die armen Kinder im Krankenhaus seinen roten Mantel an, den Bart will er sich abschneiden und endlich mal in Sommerurlaub fahren. Auch Frau Dickmann mit dem frischgeborenen Nico wird besucht und dann fährt der Nikolaus davon. Keine Wendung gegen Ende, er will nicht mehr und muss nicht mehr.

Gerade das ist so schön. Keine Seite, auf der es keinen Grund zum Schmunzeln gibt, kein kitschiges Weihnachtsende, sondern wie es ist. Die Erkenntnis der Geschichte: Wir glauben alle, wir sind unersetzlich. Die Wahrheit ist, selbst der Nikolaus (wer weiß, vielleicht gar das Christkind, Santa Claus und der Osterhase) ist zu ersetzen. Es bleibt keine Lücke und der wirkliche Druck kommt nur von uns selbst. Wenn ihr das Buch auf dem Flohmarkt seht: Greift zu! Kauft es euch gebraucht, besorgt es euch über geheime Ecken. Gerade im Weihnachtsstress eine Geschichte, die sagen kann: Lasst los, nehmt euch nicht so ernst und irgendwie geht es immer weiter.

Kommentar

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