Gelauscht

In den interessantesten Momenten sind wir allein. Das ist entweder, wenn wir auf dem Heimweg einen geradezu malerisches Ereignis beobachten, wie ein Vogelküken sich mutig aus dem Ei drückt, wie eine Spinne gedankenverloren eine Wespe mit ihrem Faden bedeckt, oder wie bilderbuchgleich der Rauch aus roten Schornsteinen quillt. Oder der Duft einer Gemüsesuppe, wie Oma sie machte, das schwere Parfüm, das die Frau im Laden immer drauf hatte, so dass einem schlecht wurde, vom Riechen, vom Atmen, der kalte Geruch des Schnees, wenn er noch nicht gefallen ist, sondern nur andeutungsvoll den Wind vorausschickt. Momente für uns, wenn die Welt auf uns wirkt und wir die Wirkung für wenige Sekunden voll erfassen, der Nebel lichtet sich und alles ist klar und selbstverständlich. Ein Wimpernschlag unseres Lebens.

Doch es gibt auch Momente, in denen wir nur Beobachter sind, besser gesagt: Lauscher. Und diese sind geradezu faszinierend. In der Bahn, in der Mensa, beim Einkaufen, in den Umkleidekabinen, im Schwimmbad, in der Sauna, wo immer wir auf eine Gruppe von Menschen treffen, die sich unterhalten, während wir schweigen, ja einsam sind. Und dabei wollen wir noch nicht einmal zuhören. Die seltensten Gespräche interessieren wirklich. Wenn irgendein Mädchen in der Bahn, mir gegenüber sitzend, in das Telefon heult „ey, schrei misch doch nisch an“ brüllt, um gleich, nachdem ihr Gesprächspartner aufgelegt hat, wohl eine Freundin anzurufen „weißt du, was der gemacht hat…“. Das will ich nicht wissen. Das Leben ist vielleicht eine Seifenoper, aber mir reicht meine eigene.

Heute dagegen, wirklich schön, zwei Bekannte, lange nicht gesehen, von dem und diesem, von Kuchenbacken auf andere Backen mit vertrauten Andeutung, dass die Dichterseele jauchzt, denn davon leben wir. Selbst wenn der Mensch es nicht gerne zugibt, wir lieben die Andeutungen, die Insider und geheimen Wortspiele. Eine Vertrautheit in der Welt voller Fremde, wenn jemand ein Zitat wiedererkennt, wenn Worte einen neuen Sinn geben, den andere nicht verstehen. Wer braucht ein Augenzwinkern, wer eine Geheimsprache, wenn wir die Möglichkeit der Zweideutigkeit haben, die uns auffängt und rettet? Rettet vor der Eintönigkeit der Seifenopern.

©Eva-Maria Obermann

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