Extrem laut und unglaublich nah – Jonathan Safran Foer

Die 472 Seiten von Extrem laut und unglaublich nah wollte ich mir im März noch mitnehmen für meine Statistik bei Einmal durchs Regal.

Oskar ist traumatisiert. Der aufgeweckte Neunjährige hat seinen Vater verloren – beim Anschlag auf das World Trade Center. Verbissen versucht er nun, seinem Vater wieder nah sein zu können und gibt sich auf die Suche nach einem Schloss in New York, denn nur er hat den Schlüssel. Unermüdlich ist Oskar auf der Suche, trifft Menschen und verändert ihr Leben. Doch auch sein Leben ändert sich. Daneben steht die Geschichte seiner Großeltern, Flüchtlinge des Holocaust, selbst traumatisiert. Der Großvater kommuniziert nur schriftlich, die Großmutter wird mit alten Gefühlen konfrontiert.

Es geht in Foers Roman um keine Schuldzuschreibung. Oskar gibt niemandem die Schuld, höchstens sich selbst. Aber um das Selbst geht es. Selbstkonstruktion und Selbstzuschreibung dominieren. Verschiedene Realitäten werden nebeneinander aufgebaut und treffen sich an ihren Überschneidungen. Oskars Großeltern begeben sich in diesen Zwischenraum mit der Absicht, ihn nicht mehr zu verlassen. Sie können nicht weg, sie können nicht bleiben. Weder Nichts noch Etwas wollen sie sein.

Die Bewältigung des Traumas oder besser, das Leben damit, ist dagegen für Oskar entscheidend. Erst, wenn er seine Schuld ausgesprochen hat und den letzten Versuch, seinen Vater in der Welt zu verorten aufgeben muss, kann er abschließen. Das Gespräch mit seiner Mutter, die Erkenntnis, dass auch sie trauert ist sein erreichtes Ziel (nicht das gewollte).

Offene Fragen bleiben, schon allein weil Oskar die Welt eben doch noch nicht ganz versteht. Das Ergebnis mag auch für den Leser so enttäuschend wie für Oskar selbst sein, der nicht umsonst Oskar heißt. Er meint die Menschen zu durchschauen und übt heimlich Kritik am alltäglichen.

Gleichzeitig begibt sich Foer auf dünnes Eis. Die Beschreibung der Bombardierung Dresdens und des Atombombenabwurfs auf Hiroshima stehen für Gräuel, das Amerika mit tiefer Überzeugung (zumindest zum Zeitpunkt der Tat) über andere gebracht hat. Die Frage der Schuld bleibt im Halse stecken im Angesicht des Anschlags vom 9 September. Im patriotisch Gestimmten Amerika ein heikles Thema. Umso gekonnter ist diese Kritik eingesetzt, die unbenannt bleibt, aber mitschwingt.

Die Erlösung bleibt aus, nicht aber die Erkenntnis. Oskar reift an seiner Suche und kann einen Schritt in der Trauerarbeit gehen und mit ihm seine ganze Familie. Die Sprache ist dabei manchmal zu gekonnt für einen Neunjährigen und zu unklar für einen Erwachsenen. Auch hier bleibt der Roman im Zwischenraum. Ein ganz eigener Stil liegt darin, so wie im Zwischenraum von Etwas und Nichts ein ganz neues Sein entstehen kann. Und obwohl Oskar nicht findet was er sucht (weil es unauffindbar ist), kommt der Roman für den Leser zu einem befriedigenden Abschluss. Dass das Leben weitergeht und jeder Tag die Arbeit mit und an unserer Vergangenheit und Zukunft ist.

Ich freu mich über eure Meinungen