Die wunderbare Welt in Büchern

Gestern starteten an der Uni die neuen Veranstaltungen der Germanistik. Ich also mittendrin, noch einmal in einer Einführung, wie schon vor sieben Jahren. Dieses Mal aber als Tutorin. Während die organisatorischen Details der Punktevergabe an mir vorüberflogen, dachte ich an die Vorlesung damals. Und gepaart mit dem, was der Dozent am Montag noch so erzählte, kam ich auf ein paar erstaunliche Kleinigkeiten, die ich euch nicht vorenthalten will. Manche waren auch für mich neu.

Die Dichter lügen

Der Philosoph Platon war es, der dies feststellte. Die Dichter lügen, denn all das, von dem sie da schreiben, gibt es in Wirklichkeit ja nicht. Die Dichter – und damit sind alle Schriftsteller gemeint – tun nur so als ob. Und in dieser Als-Ob-Wirklichkeit (Achtung! Fachbegriff aus der Vorlesung!) sind ihre Lügen Wahrheit. Klingt verwirrend? Eigentlich nicht, denn natürlich wissen auch wir Vielleser, dass die Geschichte, in die wir uns gerne vergraben der Phantasie entsprungen sind. Und alle meine Autorenkollegen verstehen diesen Punkt wohl noch viel besser. Aber Lügen?

Auch wenn Platon einer von den ganz Klugen war, hat er vielleicht eine Sache übersehen. Wenn wir uns sein Höhlengleichniss anschauen, in dem die Menschen in einer dunklen Höhle leben und nur die Schatten der Dinge sehen, statt aus der Höhle zu gehen und die Dinge wirklich zu sehen, wer ist dann der Schriftsteller? Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten. Entweder er ist der Typ, der auch nur einen Schatten sieht, und den eben besonders beschreibt, so dass die anderen glauben, er sähe mehr. Oder aber er ist der, der tatsächlich draußen war und mehr gesehen hat. Jetzt erzählt er davon und alle halten ihn für einen Geschichtenerzähler.

Wunderbar und fantastisch

Eine wirklich neue Information für mich war die, dass in der Literaturwissenschaft alles, was so als Fantasyliteratur bezeichnet wird, eigentlich wunderbare Literatur genannt wird. (Noch einmal zur Info: Ich habe seit 2009 Germanistik studiert, Bachelor und Master, und nun promoviere ich in eben diesem Fach. DAS habe ich bisher noch nirgends gelesen). Wunderbare Literatur, weil sie wunderbare Elemente enthält, die es in der Wirklichkeit nicht gibt. Fantastische Literatur dagegen ist solche, die uns im Zweifel lässt, was denn nun Wirklichkeitsaussage war und was nicht.

Eine Unterscheidung, die nicht jeden Fantasyroman vom fantastischen zum wunderbaren macht – je nach Auffassung des Lesers. Und vor allem eine, die viele andere Romane zu fantastischen machen, weil sie Zweifel erzeugen. Weil unklar wird, wie der Roman und seine Handlung zu deuten ist. Als Beispiel in der Vorlesung diente Der Sandmann. Ich finde, dass gerade sehr viele Fantasy-Jugendromane hierzu gezählt werden müssten, wo das Abdriften in die Gegenwelt auch als Rückzug aus der Realität gesehen werden kann. Andererseits könnte beispielsweise auch Die Spuren meiner Mutter zu den fantastischen Romanen gezählt werden, weil das Buch durchaus Zweifel beim Leser erzeugt.

Fiktiv und fiktional
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Der Roman ist fiktional, die Welt darin fiktiv (Foto: Msticartdesign / pixabay.de)

Der letzte Punkt ist einer, der Germanistikstudierenden in der Einführung immer wieder vorgebetet wird, der aber dennoch wie ein Pusteblumensamen verweht wird. Eine erfundene Geschichte ist eine fiktionale – im Gegensatz zu Geschichtsbüchern oder auch Autobiografien (wobei in jeder Autobiografie auch ein Stück Fiktion steckt). Die Gegenstände in dieser fiktionalen Geschichte sind aber nicht fiktional, sondern fiktiv, gedacht, körperlos.

Die Geschichte selbst, der fertige Roman, das Manuskript oder auch nur die Datei auf dem Computer hat ja durchaus ihre Körper, existiert also in der Wirklichkeit. Sie ist fiktional, weil sie von fiktiven Gegenständen, Figuren und Handlungen erzählt. Das gilt auch für historische Romane, da dort Personen, die einmal wirklich gelebt haben, noch einmal fiktiv gedacht werden. Sie haben den gleichen Namen und eventuell folgen sie den wirklichen in ihren Handlungen nach – das müssen sie aber nicht. Ein Beispiel? Anschaulich finde ich vor allem filmische: Abraham Lincoln gab es wirklich. Er war aber kein Vampirjäger. Das war nur der fiktive Abraham Lincoln aus der fiktionalen Geschichte.

Soweit ein kleiner Ausblick auf die Einführung in das Germanistik-Studium. Ich fand die Punkte auch aus Leser-, Blogger- und Autorensicht interessant. Und jetzt verziehe ich mich wieder in wunderbare Welten.

Kommentar

  1. Karin

    Hallo und guten Tag,

    wie vieles anders auf der Welt, versucht der Mensch generell „Alles erklärbar zu machen “ oder?

    Und vergisst….das Fantasy auch ein Teil unserer Selbst ist….

    LG..Karin…

Ich freu mich über eure Meinungen