Die silberne Königin – Katharina Seck

Im vergangenen Jahr wurde Katharina Secks Die silberne Königin bei Bastei Lübbe veröffentlicht. Ich habe es als Dankeschön geschenkt bekommen und war sehr gespannt. 366 Seiten hat das Wintermärchen, das nicht nur perfekt zum Wetter passt, sondern auch sonst einiges zu bieten hat.

Emma lebt ein einfaches Leben in Silberglanz, einer Stadt, die in einem ewigen Winter gefangen ist. Sie schürft im Bergwerk und kümmert sich um ihren alkoholkranken Vater. Ihre Mutter hat sie nie kennengelernt. Als es ein Mienenunglück gibt, ändert sich ihr Leben komplett. Denn Emma beschließt, das Bergwerk hinter sich zu lassen und findet eine Anstellung in der angesehenen Chocolaterie von Frau Weltfremd. Die verkauft nicht nur Schokolade, sondern ist eine waschechte Geschichtenerzählerin. Und das Märchen der silbernen Königin, dass sie Emma erzählt hat immer mehr mit ihrem eigenen Leben zu tun. Mit dem kalten König, dessen Schatten sie verfolgt und dem Anhänger, den sie von ihrer Mutter geerbt hat.

Märchen im Doppelpack

Die silberne Königin geht die Märchenform eigentlich über zwei Wege an. Zum einen ist das Madame Weltfremd, die Geschichtenerzählerin, die Wahrheit und Dichtung gekonnt vermischt. Ihre Erzählungen müssen geradezu dechiffriert werden, was eine wundervolle Darstellung der Literatur an sich ist. Die Botschaft liegt selten an der Oberfläche. Daneben aber ist Emmas eigene Geschichte ja schon ein Märchen. Geradezu simpel mutet es an, wenn das arme Mädchen gegen die Kälte im Herz des Prinzen kämpfen muss. Aber wie Madame Weltfremd den Leser schon lehrt: Eine gute Geschichte hat immer mehrere Ebenen.

Tatsächlich gibt es viele Gemeinplätze, die es auf den ersten Blick zu bemängeln gibt. Die hochgelobte aber tote Mutter, die ihrer Tochter einen Anhänger vermacht hat, beispielsweise. Aber auch Träume, die Andeutungen beinhalten, einen königlichen Ball, Magie und Liebe. Ein nettes kleines Märchen, also? Eben nicht! Gerade wie Katharina Seck ihre Motive und Elemente verbaut, zeigt, dass sie sich der Gefahr, Klischees zu erfüllen, wohl bewusst ist. Doch sie spielt souverän damit.

Tiefe und Klarheit

Schon allein durch die Parallelen in Madame Weltfremds Erzählung gewinnen die Figuren Tiefen und nicht nur Emma erhascht einen neuen Blickwinkel auf sie. Auch ist der Roman an manchen Stellen geradezu grausam realistisch, wenn er vom Mienenunglück, der Kälte und der Not der Menschen berichtet. Nicht zuletzt wird die Geschichte auch in den romantischen Momenten nicht etwa übereilt oder verkitscht. Sie lässt den Gefühlen den Raum, den sie brauchen, um plausibel zu werden, und die Tiefe, um den Leser zu berühren. Ein bisschen Schneekönigin, ein wenig die Schöne und das Biest und auch eine Spur vom kalten Herz – natürlich gibt es Verweise. So kunstvoll angesetzt und vermischt, dass eine grandiose Mischung entsteht.

Katharina Secks Stil ist dabei genauso wenig romantisiert, wie die Handlung ihrer Geschichte. Ihre Figuren entwickeln sich und hadern, sie fallen und stehen wieder auf. Wunderbar flüssig und fesselnd setzt sie Worte aneinander, so dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Dass sie selbst auf den letzten Seiten noch den Realitätssinn beweist, Entwicklung statt Eile einzusetzen zeigt nur einmal mehr: Diese Buch ist vorsichtig ausbalanciert worden. Ein wundervoller Roman, ein zauberhaftes Märchen, eine lesenswerte Geschichte.

Kommentar

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