Die Rückkehr der Jungfrau Maria von Bjarni Bjarnason

Im Programm des Tropen Verlags habe ich Die Rückkehr der Jungfrau Maria von Bjarni Bjarnason entdeckt (172 Seiten). Da mich das Thema der literarischen und mythischen Mutterfiguren einfach nicht loslässt, konnte ich es kaum erwarten, den Roman zu lesen.
Der unzuverlässiger Erzähler und fiktive Autor ist Michael, Enkel eines Professors, der einst die Rückkehr der Jungfrau Maria prophezeit hat. Micheals Leidenschaft aber ist der Zirkus. Maria dagegen ist eine ausgesprochen gute Studentin. Mehrere Stipendien hat sie bekommen und schreibt mit 21 ihre Doktorarbeit. Dass sie seit ihrer Pubertät kein Spiegelbild hat, hat sie erfolgreich verdrängen und verheimlichen können. Doch nun verschwinden alle Dokumente über sie spurlos. Ihre Kleider beginnen durchsichtig zu werden und alle Welt begutachtet ihre ungewollte Blöße. So findet und rettet Michael sie. Er ist von ihr angetan, kann sie aber nur berühren, wenn er dies unschuldig tut, so wie alle Männer. In einem unauflösbarem Strudel begehrt er Maria und kann sie erst haben, als er unter Mordverdacht steht und sie bereits wieder gefangen genommen wurde, denn längst hat sich eine Glaubensgemeinschaft nach ihr benannt und ein Bischof versucht, sie als Lügnerin zu enttarnen.
Eine großartige Idee, die der Isländer Bjarni Bjarnason da hatte. Die Jungfrau Maria kehrt zurück. Unschuldig, göttlich und unfassbar anziehend. Sie verdreht aller Welt den Kopf und es scheint nichts zu geben, was sie nicht kann. So haben wir sie uns immer vorgestellt. Viel zu gut für diese Welt.
Dabei zeichnet Bjanason das Bild der Maria wesentlich tiefer, als es die platte Vorstellung der jungfräulichen Mutter je kann. Er zeigt ihre Verzweiflung über die Veränderung, das stumme Hinnehmen des Unausweichlichen, ihre Gier nach Nähe. Trotz allem bleibt seine Maria menschlich und mitunter fragt sich der Leser: Was ist so göttlich an ihr, wo bleibt das Weltverändernde?
Vielleicht liegt die Wahrheit ja im kleinen. Ein Kind hat gereicht, eine Religion zu gründen. Warum sollte nicht auch eine Frau Grund genug sein? Und warum reicht es nicht, das Unmögliche glaubhaft zu machen und die Perspektiven etwas zu verschieben. Denn Letztendlich ist der tiefere Antrieb im Roman nicht etwa die göttliche Jungfräulichkeit, sondern vielmehr das stete Begehren, das Zusammenfinden zweier Menschen und wie leicht ein Mensch daran zerbrechen kann.
Die Sprache ist dabei selbst in der Übersetzung oft noch wunderschön und malerisch. In tiefen Bildern und Metaphern erzählt Michael von Maria, die immer wieder Gleichnisse mit einer Drossel erzählt. Biblische Namen und bibelähnliche Stellen prägen die Nähe zur Religion, die gleichzeitig eine Kritik ist. Die Menschheit wird in ihrer Leichtgläubigkeit und ihrer Sturheit gezeigt. Und mittendrin steht Michael und glaub nichts und glaubt alles. Tatsächlich Kunst.

 

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