Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic

Wieder ein Buch, das ich in erster Linie für die Uni gelesen habe, dessen 400 Seiten ich aber unbedingt für Einmal durchs Regal mitzählen wollte. Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic erzählt die Geschichte von Jonas, der eines Morgens aufwacht und feststellen muss, dass alle anderen Menschen und Tiere verschwunden sind.

Damit ist das meiste auch schon erzählt. Jonas begibt sich auf die Suche nach Hinweisen auf weiteres Leben, aber auch auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Er fährt durch Europa und endet doch immer wieder in Wien. Um nichts zu verpassen, beginnt er, nachts Kassetten zu bespielen, die Stille aufzeichnen, und Videokameras aufzustellen, die Unbeweglichkeit zeigen. Allein er erscheint auf den Filmen und bald filmt er vor allem sich selbst schlafend, entdeckt ein zweites Ich, das er „Schläfer“ nennt, das aber nicht immer schläft. Ein innerer Kampf entsteht, zwischen Jonas und dem Schläfer, zwischen Jonas und der unmöglichen Situation, in der er sich befindet. Schließlich begibt er sich nach England, um die Spuren seiner Freundin zu suchen, die zum Zeitpunkt des Verschwindens dort war. Mit einem Koffer von ihren Sachen kommt er heim und die Sinnlosigkeit seines Seins wird ihm bewusst.

Die Situation, in der Jonas sich befindet, ist erschreckend und unwirklich. Als letzter Mensch auf der Erde muss er zuerst einsehen, dass er nicht weiß, was mit den anderen Menschen geschehen ist. Alle Theorien enden im Nichtwissen. Sein Versuch, das Jetzt zu halten, endet doch immer damit, sich der Vergangenheit bewusst zu werden. Jede seiner Aufzeichnungen ist bereits ein Stück Vergangenheit, ein Beweis für etwas, das nun nicht mehr ist.

Der Schläfer strahlt dabei eine ungeheure Gefahr aus. Er hat Kräfte, die Jonas nicht hat, blickt aus starren Augen und Jonas fühlt sich von ihm bedroht. Gleichzeitig ist es der Schläfer, der schier unmögliche Probleme löst. So zieht er Jonas im vermeintlichen Schlaf einen entzündeten Zahn (und den Nachbarn gleich mit). Der Schläfer wird für Jonas aber nicht nur ein zweites Ich, sondern sein Gegner, jemand, gegen den er kämpfen kann, den er beobachten kann, der etwas verändert. In gewisser Weise wird er ein nötiges Monster.

Auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit schlittert Jonas in die Suche nach seiner Identität, die von anderen Menschen geprägt war. Seinen Eltern, seinen Freunden, seiner Freundin. Nichts davon existiert mehr, also steht die Frage, wer und was Jonas nun ist schwer im Raum. Er erkennt, dass Wirklichkeit konstruiert ist und sich in Sekunden ändern kann.

Seine Reise nach England ist das letzte Loslösen von der Welt, die er kannte. Der Beweis, dass auch seine Freundin verschwunden ist, die Frau, die er liebte, bricht ihn los. Seine ganz persönliche Apokalypse endet nicht etwa in der Freiheit, sie endet in wirren Verständnissen, in der letzten Möglichkeit, zu enden.

Das Buch war fesselnd und leicht zu lesen, trotz der relativ wenig Handlung. Es wird von Überlegungen und Gedanken Jonas‘ getragen, denn jede seiner Handlungen bleibt ohne Reaktion für die Welt. Die Veränderungen, die er bewirkt, verändern eben nichts, und seine Beobachtungen sind hauptsächlich Beobachtungen der Veränderungslosigkeit. Aber Jonas verändert sich. Eine aufkeimende Paranoia vor sich selbst und vor unwirklichen Gefahren, genauso wie das Spiel mit dem Risiko, das in einem Autounfall gipfelt. Jonas ist nicht selbstzerstörerisch, er will die Situation zerstören, die er nicht beenden kann. Weniger das Alleinsein ist das Problem, als das Wissen, was er alles verloren hat und die Frage nach dem Warum. Sein Selbstmord ist keine Verzweiflungstat, überstürzt und panisch. Vielmehr ist es lange geplant, sein einziger Weg, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass irgendetwas danach auf ihn wartet.

Gleichzeitig ist das Buch schwere Kost, denn die Thematik eckt an, stellt Fragen und hallt nach. Der Leser hat nicht wirklich Mitleid mit Jonas, er ist ein stiller Beobachter, wie Jonas selbst, mehr noch wie eine Kamera selbst, die lediglich aufzeichnet, ohne zu werten. Und Jonas‘ Gedanken zu Vergangenheit und Gegenwart, zu Glück und Liebe und zu Wirklichkeit und Traum berühren über Distanz.

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