Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm – Selja Ahava

Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm von Selja Ahava gehört zu den Büchern, über die ich mich dieses Jahr am Welttag des Buches freuen durfte. Und es ist das Buch, das ich dieses Jahr auf jeden Fall noch lesenAhava_Der_Tag_Cover_klein wollte. Die 224 Seiten beherbergen nämlich eine Geschichte zum Thema Vergessen und Demenz, ein Thema, das dieses Jahr für mich wichtig geworden ist.
Anna ist alt geworden. Sie lebt in einem Pflegeheim und weiß, wie es um sie steht. Die kann sich an viele Dinge aus ihrem Leben nicht mehr erinnern, gleitet dafür immer wieder in andere Zeiten zurück und erlebt sie nach. Das kennt sie schon eine ganze Weile, eigentlich seitdem ihr erster Mann gestorben ist, seit sie nach London geflüchtet ist, wo sie Thomas geheiratet und den Wal, der durch die Themse schwamm, gesehen hat, seit sie die Tote im Wald gefunden hat. Immer wieder gleitet sie ab, versteht die Welt nicht mehr, läuft los, ohne Ziel, erschafft sich in Gedanken sechs Kinder. Sie ist einsam in ihrer Welt, die niemand versteht und sucht verzweifelt den Halt, den sie längst verloren hat. Der Roman springt dabei zwischen Annas Heimat Finnland und London.
Dabei ist Anna eine durchweg sympathische Figur. Niemand will mit ihr schimpfen, sie zurechtweisen. Viel eher ist der Leser geneigt, Annas Sicht der Dinge einen Raum zu geben. Die Autorin schafft es nicht nur, realistisch an das traurige Thema Demenz heranzutreten, sondern gleichzeitig auf eine respektierende und doch mitfühlende Art und Weise. Nicht Mitleid überwiegt, sondern Verständnis für das Unverstehbare. Sehr gut dazu passt Annas Umgang mit Worten, die Listen, die sie führt, um ihre Umgebung festzuhalten, der Versuch, sich eine Welt aus Worten zu schaffen, die doch ohne Bezug zerfallen muss. Es ist ein verzweifeltes Aufzählen und ein aufzeigen der Kleinigkeiten, die unseren Alltag ausmachen, die wir täglich wahrnehmen, ohne sie zu registrieren.
Die Autorin hat mit Der Tag, an dem ein Wald durch London schwamm nicht nur einen Roman über Demenz geschrieben, über eine alte Frau, deren Erinnerungen durcheinandergeraten sind und sich auflösen, sondern auch einen Appell an alle, das Leben in mancher Hinsicht besser wahrzunehmen, genauer hinzusehen und sich öfter zu erinnern. Ein sehr gutes Buch, das sehr nachdenklich stimmt, aber auch eine beeindruckende Einsicht in Annas Gemüt gibt.

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