Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin – Pei-Yu Chang

Als ich im neuen Programm des Nord Süd Verlags die Geschichte des geheimnisvollen Koffers von Herrn Benjamin entdeckt habe, war ich hin und weg. Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar. 48 Seiten hat das Kinderbuch von Pei-Yu Chang, das von Walter Benjamins Flucht vor den Nationalsozialisten und seinem geheimnisvollen Koffer erzählt.

Herr Benjamin muss flüchten, denn in seinem Land herrschen Menschen, die keine neuen Ideen mögen. Sie wollen ihn gefangen nehmen. Aber eine mutige Frau ist bereit, Herrn Benjamin über die Berge zu führen, in ein Land, in dem er frei sein kann. Obwohl sie eindringlich warnt, nur leichtes Gepäck mitzunehmen, bringt Herr Benjamin einen Koffer mit. Er verrät nicht, was darin ist, nur, dass es die Welt verändern kann.

Vorsichtig angegangen

Dabei geht das Buch sehr vorsichtig vor. Die Geschichte für Kinder zu erzählen ist keine leichte Aufgabe. Wie erzählt man einem kleinen Kind von Nationalsozialisten, Fluchtrouten und Selbstmord? Die Autorin und Illustratorin entscheidet sich hier, einiges weg zu lassen, was uns Erwachsene vielleicht irritiert, die Handlung dafür kindgerecht gemacht und auf den Koffer lenkt. Er steht im Mittelpunkt. Herr Benjamin trägt ihn über gefährliche Bergwege. Der Koffer und dessen Inhalt sind ihm wichtiger, als seine eigene Sicherheit. Dass es Ideen gibt, die so eine Bedeutung haben, die vor dem eigenen Leben stehen, das ist die leise Botschaft des Buches.

Nun kann kritisiert werden, dass Walter Benjamin Jude war und nicht etwa „nur“ wegen seiner Ideen in Gefahr war. Hier werden die Nationalsozialisten vielleicht abgeschwächt. Es geht nicht um Religion oder Kultur, sondern um „Ideen“. Doch was sind kulturelle und religiöse Vorstellungen anderes als Ideen, die uns fremd erscheinen können? Vielleicht ist die Umschreibung, die das Buch wählt gerade deshalb so einprägsam. Die Menschen wurden nicht wegen Dinglichkeiten eingesperrt, sondern wegen Zuschreibungen, die wie Ideen nur in den Köpfen der Menschen existiert haben. So wird Der geheimnisvolle Koffer geradezu zeitlos.

Ein Koffer und eine Frau

Gelungen finde ich auch durchaus den Bogen, denn die Handlung um Walter Benjamins Selbstmord macht. Der Philosoph hatte sich erschossen, als er nach erfolgreicher Flucht nach Spanien zurückgeschickt wurde, weil seine Papiere in den wenigen Tagen „veraltet“ waren. Den geheimnisvollen Koffer gab es wirklich. Niemand weiß heute, was Benjamin darin vor den Nazis retten wollte. Dass das Buch dieses Rätsel aufgreift und die Kinder neugierig auf Geschichte macht, finde ich wirklich gut.

Eine weiter wichtige Figur des Buches ist die Frau, die Benjamin über die Fluchtroute führte, Lisa Fittko. Auch sie hat ihre „Idee“ von Gerechtigkeit über ihr eigenes Leben gestellt. Diese Nebeneinanderstellung von geistiger Idee in der Metapher des Koffers und tatsächlicher Aktion in der Hilfe die Fittko den Flüchtlingen gab, hat mir gut gefallen. Am Ende des Kinderbuches wird kurz auf die Wirklichen Leben von Benjamin und Fittko referiert. Das Buch zeigt hier klar: Ich habe eine reale Vorgeschichte, bin aber eine fiktive Geschichte.

Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin ist kein leichtes Kinderbuch. Es wirft Fragen auf, denen sich Kinder wie Eltern stellen (müssen). Vielleicht macht es Angst. Dass der Koffer im Mittelpunkt steht, und das Schlusswort ihm gilt, überlagert aber die Flucht selbst und Benjamins Schicksal. Die Idee der Idee, sozusagen, existiert noch immer. Das ist nicht leicht, wie gesagt. Aber deswegen nicht weniger wichtig. Der geheimnisvolle Koffer des Herrn Benjamin erzeugt Neugierde und Interesse, es leistet Aufklärungsarbeit, ohne direkt zu benennen. Ein wichtiges Buch für kluge kleine Köpfe und ihre Eltern.

Kommentare

  1. Ela

    Eine großartige Besprechung!
    Die Autorin scheint ja wirklich sehr behutsam an dieses Thema herangegangen zu sein.
    Kinder haben nun mal Fragen auch zu Themen, die vielleicht nicht einfach sind.
    Umso besser wenn es dazu passende Bücher gibt, die sich solchen Themen annehmen.
    Liebe Grüße
    Ela

Ich freu mich über eure Meinungen