Das Märchen vom Pfeifer

Es war einmal vor langer Zeit in einem weit, weit entfernten Land, dass ein guter Mann Herrscher wurde. Und weil er ein guter Mann war, seinem Volk dienen wollte, die Welt besser machen wollte und wirklich glaubte, er könnte es für alles Zeit auch besser sein lassen, kam eine gute Fee zu ihm. Sie versprach ihm Erfolg und verriet ihm außerdem, was als einziges seinem Reich einmal gefährlich werden könnte.

„Hüte dich vor dem, der pfeift“, flüsterte sie und war auch schon wieder verschwunden.

Der gute Mann lief lange hin und her, bis in seinem Zimmer eine tiefe Furche im Boden zu sehen war. Dann griff er sich sein neues Gesetzbuch und schrieb noch schnell dazu „Das Pfeifen ist unter allen Umständen verboten“. Etwas komisch fühlte er sich schon dabei, aber wenn es um sein Reich und sein Volk ging, war ihm nichts zu teuer.

Viele Jahre zogen ins Land. Der gute Mann wurde alt und bekam weiße Haare. Und eines Tages starb er.

Nach ihm kamen viele Herrscher. Einige waren gut, andere waren böse, manche waren beides gleichzeitig. Es gab solche, die Krieg begannen, und die, die ihn wieder beendeten. Das Volk liebte sie und hasste sie.

Eines Tages wurde ein Mann Herrscher, der die alte Geschichte über die Fee entdeckte und das Gesetz für nicht ausreichend befand. „Was, wenn sie heimlich pfeifen? Was, wenn sie trotzdem pfeifen? Was, wenn sie mich alle stürzen wollen?“, dachte er und schickte treue Männer aus, sein Volk zu bespitzeln.

Das taten sie viele Jahre lang. Wieder gab es neue Herrscher, bessere Herrscher und schlechtere Herrscher. Und als es nicht mehr reichte, die eigenen Leute zu belauschen, spionierten sie auch die anderen Länder aus, egal ob Freund oder Feind. Die einen sprachen so komisch, die anderen hatte früher einen bösen Herrscher, und diese da glaubten gar an ganz andere Dinge, als das eigene Volk.

Viele Jahre lang ging alles gut. Die Menschen ahnten nichts von der Rundum-Spionage, und wenn doch, war es den meisten egal. Und kaum einer pfiff. Wenn doch, wurde er schnell zum Schweigen gebracht. Sicher ist sicher.

Als eines Jahres aber ein – eigentlich guter – Herrscher an der Macht war, begann einer seiner treuen Männer heimlich zu pfeifen. Er wollte weiter pfeifen und den Menschen zeigen, wie schön es ist zu pfeifen. Und er wollte ihnen zeigen, wie sie ausspioniert wurden, um jeden Pfeifer sofort zu entdecken.

Also pfiff er, er pfiff so laut er konnte, er pfiff, bis es über die Grenzen seines Landes hinaus schallte. Und dann rannte er davon, denn er wusste, auch ein guter Herrscher würde ihm das nicht verzeihen. Er rannte und suchte Hilfe bei den anderen Ländern, bei Feinden und Freunden. Er strandete in einem Hafen, ohne Heimat, ohne Passe, ohne ein Leben, denn seines hatte er mit dem ersten Pfiff verloren. Und immer noch rief er um Hilfe.

Sie alle hörten ihn. Doch sie alle waren feige. Immerhin war das Land, aus dem er kam, mächtig. Wer könnte sich schon gegen es stellen? Und sein Herrscher war doch eigentlich gut. Wer könnte ihm schon böse sein? Sie waren feige und zögerten und fanden Ausreden, dem Pfeifer nicht zu helfen. Doch der Pfeifer, ein kleiner aber mutiger Mann, mit einer festen Überzeugung, pfiff weiter, pfiff immer noch laut, wurde von anderen kleinen Leuten gehört und säte, säte das, wovor die Fee gewarnt hatte.

Und ob der Pfeiffer ein glückliches Ende findet, ob ein Land mutig genug ist, ihm zu helfen, ob ein guter Mann ein böser Mann wird, oder auch nicht – das alles sind nur Randerscheinungen. Denn mit dem ersten Pfiff hat der treue Pfeifer den Anfang getan, die Welt zu verändern und sie besser zu machen. Und wenn er noch weiter pfeift, wird er weiterhin gehört werden.

©Eva-Maria Obermann

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