Das Ich Ich bin, ist genauso verrückt wie die Tatsache, dass Du Du bist – Todd Hasak-Lowy

Was ich an Jugendliteratur so liebe, ist der innovative Gedanke, der gerade hier oft seinen Ursprung hat. Bei Beltz und Gelberg ist nun ein Roman erschienen, der schlichtweg einmalig ist. Dass Ich Ich bin, ist genauso verrückt, wie die Tatsache, dass Du Du bist von Todd Hasak-Lowy, übersetzt von Karsten Singelmann, ist ein 655 Seiten starker Roman, der vollständig in Listen verfasst ist. Was würde da besser passen, als dem Verlag den Wunsch zu erfüllen und auch die Rezension in Listen zu verfassen?

5 Sätze, die den Inhalt des Romans umfassen sollen:

1-      Darren steckt mitten in einer Sinnkrise, Eltern geschieden, Bruder ausgezogen, Vater bekennt sich zu seiner Homosexualität, Mutter entdeckt das Arbeitsleben für sich.
2-      Er flüchtet zu der Person, von der er sich Hilfe verspricht, seinem großen Bruder Nate.
3-      Der entpuppt sich aber mehr und mehr als ziemlich gestrandete Figur, die selbst nicht bereit ist, den Schritt zu gehen, der Darren bevorsteht, und erwachsen zu werden.
4-      In dieses Wirrwarr tritt ein Mädchen, Zoey, die mehr als genug eigene Probleme hat und irgendwie stützen sie sich gegenseitig, bis Zoey plötzlich verschwindet.
5-      Und bei allem, das ihm durch die Finger gleitet, ist Darren nicht bereit, Zoey aufzugeben und kämpft, um im Chaos seines Lebens nicht unterzugehen und irgendwann wieder für sie da sein zu können.

5 Punkte, die genial an diesem Roman sind:

1-      die Listen. Sie geben Struktur, trennen Themen, stiften einen Rahmen und sind so genau das, was Darren eigentlich braucht: Halt und feste Regel. Außerdem zeigen sie nicht nur großartige auf, wann manche Dinge überhaupt wichtig und von Bedeutung sind. Sie zeigen auch, wann wirklich eine Leerstelle besteht, die Auswirkungen auf Darrens Geschichte hat. Manchmal werden die Listen erst im Nachhinein oder über den Roman hinaus von Bedeutung.

2-      dass es nicht nur um Listen geht. Ja, sie stiften die Struktur und es gibt einzelne Seiten, auf denen schlicht Wörter oder Namen oder Gegenstände gelistet sind, deren Bezug zum Inhalt des Romans nicht sofort ersichtlich ist. Aber oft versteckt sich hinter einem Listenpunkt ein ganzer Absatz. Ausformuliert, stilistisch treffsicher und zum darin versinken sind diese Absätze, die aus dem Listenbuch einen Roman machen.

3-      die Musik. Darren spielt Bass und liebt es. Er spielt in der Schulband, in der Pause hört er sich Jazz mit seinem Musiklehrer an, über die Musik des neuen Freundes seines Vaters findet er einen Bezug zu dem Mann, den er eigentlich gar nicht leiden können will. Darren geht auf in seiner Musik. Er lässt sich ein und ist dennoch nicht der Meinung, dass Musik keine Professionalität benötigt. Für die Musik ist er bereit, den idealisierten Bruder ohne rosarote Brille zu sehen und zu kritisieren. Nicht zuletzt drückt Darren auch seine Gefühle gegenüber Zoey in Liederlisten aus, die er ihr schickt. Musik, das ist Darrens Sprache.

4-      Darrens Familie. Alle haben Schuldgefühle, alle sind an einem Punkt, an dem sie über ihren eigenen Schatten springen müssen – oder es gerade getan haben. Während Darrens Vater in der Therapie die Scheidung und seine Homosexualität bespricht, sich Mut holt und gerade dabei ist, seine Identitätskrise zu beenden, schafft Darrens Mutter das über ihren Erfolg auf der Arbeit. Beide Eltern haben geschafft, was Darren eigentlich will, sie haben sich selbst gefunden, sind sich ihres Platzes sicher und bestärken ihn darin, auch seinen zu finden. Im Grunde sind sie also großartige Vorbilder, wenn Darren ihnen wegen ihrer Scheidung und der damit verbundenen Zerstörung seines vermeintlich perfekten Lebens nicht so böse wäre. Nate dagegen ist am Anfang der große idealisierte Held, der als ehrgeizloser Kiffer und Träumer enttarnt wird. Extreme, vor allem aus Darrens Sicht, aber dahinter auch immer wieder Antreiber, nervige Therapiebeschwörer und alle durch diese große Verbundenheit zusammengehalten.

5-      der Humor. Der Roman ist an manchen Stellen tragisch, trägt große Veränderungen und Herausforderungen für die Hauptfigur mit sich. Aber vor allem ist er auch großartig komisch, sarkastisch und ironisch. Etwa wenn Darren sich im Ablauf mehrerer Monate immer wieder selbst die gleiche SMS schickt, oder schlicht leere Listen eingefügt werden, um zu verdeutlichen, dass hier eine Leerstelle existiert.

3 Punkte, die dagegensprechen:

1-      In Darren brodelt es. Sein Leben ändert sich im Sekundentakt mit immenser Schlaggewalt. Ratlos steht er vor den Brocken, die ihm hingeworfen werden und ist im Grunde entsetzlich sauer. Doch selbst, wenn er ausbricht – immer in den unpassensten Momenten – springt seine Wut nicht richtig über. Etwas zu leicht, etwas zu harmlos wirkt dieser Ausbruch, der dann im Roman so schlimm stilisiert wird. Da hätte ich einfach gerne etwas mehr gehabt.

2-      Darrens Vaters ist homosexuell und obwohl Darren immer wieder versichert, dass er damit kein Problem hat, ist klar, dass er eines hat. Das wird zwar groß thematisiert, aber nicht gelöst. Darren mag den neuen Lebensgefährten seines Vaters. Das ändert aber nichts an der unterschwelligen Wut selbst und die Krise, alles in schwul und nicht-schwul abzugrenzen. Die Lösung bleibt irgendwie aus. Es gibt keinen wirklichen Moment der Versöhnung mit dem Vater oder der Homosexualität. Als wäre das Thema als wichtig ins Spiel gebracht worden, und dann in den Hintergrund gerutscht. Auch hier wäre noch viel Potential gewesen.

3-      Was mich insgeheim wirklich gestört hat, ist Darrens körperliche Veränderung. Am Anfang wird er eher als mollig beschrieben. Deine Identitätskrise lässt ihn plötzlich abnehmen und auch weniger essen, weil er sich immer zu dick fühlt. Das hier so unvermittelt und ohne Auswirkungen einzuweben hat mich ein bisschen geärgert. Als gäbe es nicht genug Medien, die uns das Ideal von dünn und muskulös vorgeben. Ich sehe ja ein, dem inneren Wandel einen äußeren beistellen zu wollen. So wie das hier aber umgesetzt wurde, hat es mich schlicht gestört.

Mein Fazit in 3 Punkten:

1-      Der Roman ist von der Struktur her ganz klar innovativ, ungewöhnlich, erfrischend. Auch der Stil ist sehr gelungen, witzig und mitreißend. Die Geschichte fesselt und der Gedanke „Nur noch eine Liste“, setzt sich unwillkürlich irgendwann beim Lesen durch. Ein wahrer Genuss und für Leser aller Altersklassen geeignet. Gerade, wer nach neuen Formen des Romans sucht, wird hier fündig und nicht enttäuscht.

2-      Dass die Listen nicht nur „einfach so“ genutzt werden, sondern die Katharsis der Hauptfigur unterstützen und in der Schlussliste sogar kritisch hinterfragt werden, zeigt wie Inhalt und Form zusammenspielen, ein Schema, das eigentlich vor allem aus der Lyrik bekannt ist. Diese Übertragung und die Selbstreflexion, die dahintersteht, machen den Roman nicht nur auf einer literarischen Ebene, sondern auch auf einer literaturwissenschaftlichen schlichtweg faszinierend. Todd Hasak-Lowy hat hier ein wirklich auf vielen Ebenen lesenswertes und beeindruckendes Buch geschrieben.

3-      Ich sollte viel öfter Rezensionen als Listen verfassen.

Ich freu mich über eure Meinungen