Böse Mutter – Gute Mutter von Sam Jolig

Ende 2012 wurde im Goldmann Verlag ein Buch von Sam Jolig veröffentlicht mit dem gespaltenen Titel Böse Mutter Gute Mutter. Auch der Untertitel „Eine mächtige Beziehung bewusst leben“ hat mich auf das 265 Seiten starke Buch aufmerksam gemacht. Immerhin forsche ich zur Mutterfigur, bin selbst Mutter und gehöre zum Schlag derer, die auch mal als „Feministinnen“ beschimpft werden, ohne das beleidigend zu empfinden.

Sam Jolig ist die Adoptivmutter (Word kennt dieses Wort nicht mal …) zweier Kinder, Körperpsychotherapeutin und als Adoptionshelferin bereits bekannt. In Böse Mutter Gute Mutter geht sie fokussiert auf die Bedeutung der Mutter für die Psyche eines jeden Menschen ein. Klar wird dabei schnell, wie es schon im Vorwort von Bernhard Voss ausgedrückt wird „Am Ende ist es immer die Mutter“ (S. 9).

Anhand verschiedener Begriffe die Psyche betreffend zeigt Jolig auf, dass an unserem ganzen Sein unsere Mütter Schuld haben. Jeder Mensch wäre seine Mutter und noch etwas mehr, so drückt sie es aus und lässt den Vater dabei ziemlich im Abseits. Ab und An gibt sie zwar zu, dass es ihn gibt und dass seine Position zur Mutter, bzw. die Position der Mutter zu ihm auch wichtig sei, er selbst spiele aber keine Rolle, nein, er könne das, was die Mutter ihm durch die Schwangerschaft und Stillzeit voraus hat, gar nicht aufholen und wolle das ja auch nicht, wie unsere Gesellschaft zeigt.

Spätestens hier schreie ich innerlich auf. Dass die Gesellschaft den Mann in diese Rolle drückt und im Gegenzug die Mutter als Leitfigur für das Kind deklariert, wird ziemlich außer Acht gelassen. Auch die Fälle, die nicht nur wünschenswert, sondern durchaus schon die Realität sind, wenn auch selten, in denen Väter sich die Aufgabe der Kindererziehung und –pflege mit der Frau teilen oder gar hauptsächlich übernehmen, ignoriert Frau Jolig absolut. Fadenscheinig finde ich es aber prinzipiell die Rolle des Vaters für die Psyche so klein zu reden, denn natürlich prägt auch die Vaterfigur jeden Menschen von klein auf entscheidend.

Unverständlich wird es für mich auch, wenn die Autorin in den Beispielen, die sie zur Veranschaulichung reichlich eingestreut hat, die Mutter als dem Vater untergeben aufzeigt. Diese Beispiele zeigen stets, in welchen Positionen sich die betroffenen „Klienten“ in Bezug auf ihre Eltern sehen. Strikt festgelegt ist von der Analyseseite dabei, an welcher Stelle „normalerweise“ Mutter und Vater und Kind(er) zu stehen haben. Stellt ein Klient aber seine Mutter auf die „falsche“ Seite, sagt das sofort, dass sie dominant sei, über den Vater herrsche und ihm damit seine natürliche Position beraube, was beim Kind eine Störung verursachen würde.

In welchem Jahrhundert – und an dieser Stelle schreie ich nicht mehr, ich weine nicht, ich schüttle nicht meinen Kopf, ich starre fassungslos auf die Seiten – leben wir, wenn eine starke Frau, die in einer Beziehung den Ton angibt, als „krankhaft“ angesehen wird, als dem Mann seiner Macht raubend, seiner fest vorgeschriebenen Stelle in unserer Ordnung? Mal davon abgesehen, dass Frau Jolig auch immer gerne darauf verweist, eine berufstätige Mutter schade dem Kind, weil sie ja keine Zeit für es habe. Die Macht der Mutter, die laut Untertitel Thema sein soll, ist dann also doch nur die der artigen Hausfrau, die maximal ein paar Stunden arbeiten geht und dem Manne alles bereit hält, wenn er heim kommt, schon allein, weil sie sonst ihrem Kind psychische Störungen verursache.

Ja, verdammt, ich dramatisiere hier. Ich übertreibe, vielleicht auch maßlos. Denn es gibt natürlich die feinen Stellen, die sagen, dass es Kinder gibt, die mehr oder weniger „Muttermacht“ brauchen, dass Frauen ein Recht haben, arbeiten zu gehen und sich zu verwirklichen. Es gibt diese Stellen, an denen auch ich genickt habe, mich wiedererkannt und überlegt, was daran jetzt so schlimm ist. Immerhin stellt auch die Autorin klar, das keine „Störung“ schlimm ist, wenn der Mensch mit sich ins Reine kommt. Im Großen und Ganzen aber steht unterm Strich: Eine Frau, die Mutter ist, muss sich selbst verlieren, denn wenn sie nicht alles tut, was laut Jolig richtig ist, wird ihr Kind psychisch „gestört“. Wenn sie es aber tut, geht es ihr selbst nicht besser.

Die psychischen Auffälligkeiten der Kinder, die die Autorin dann nennt, sind auch noch so allgemein verfasst, dass sie für alle und niemanden zutreffen. Sich selbst darin zu finden, ist leicht, mehrmals sogar. Mischtypen seien eigentlich normal, was mich zur Frage bringt, ob diese Einteilung dann überhaupt sinnvoll ist. Denn wenn eh jeder hier und da zu einem oder mehreren der genannten Typen gehört, ist die Aufregung doch ziemlich umsonst. Dann geht es weniger um Muttermacht, als um die Akzeptanz, wie wir sind. Immerhin geht es in den letzten 20 Seiten dann auch noch um „richtige“ Meditation, um eben das zu schaffen und mit sich ins Reine zu kommen. Wer dazu seiner Mutter die Schuld geben muss, darf das Buch gerne lesen, interessant war es allemal, und ich konnte mich mal wieder so richtig aufregen.

Kommentar

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