Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne – Corinne Luca

Im Bloggerportal entdeckt und dankenswerter Weise als Rezensionsexemplar bekommen habe ich kürzlich Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne von Corinne Luca mit dem schönen Untertitel Schönheitswahn-Detox für die Frau von 0 bis 99. 203 Seiten hat das Buch der Bloggerin, die unter anderem für Edition F und bento schreibt, erschienen bei Heyne.

Um trügerische Werbung, Unsicherheiten, die am laufenden Band produziert werden und eine Menge Humor geht es. Jeden Tag wird uns Werbung gezeigt, wir können es gar nicht verhindern, in den Frauen vor allem eines sind: wunderschön. Ob in der Zeitung, dem Plakat, dem Fernsehen, wo wir hinschauen flacher Bauch, glatte Beine, reine Haut, etc. Die Liste ist endlos, damit will ich nicht anfangen. Ein spritziger, witziger Kommentar in Buchform ist da gern gesehen, am liebsten richtig bissig.

Und ja, das schafft Corinne Luca. Ob Schlankheitswahn oder das perfekte Lächeln, die Handtasche der Frau, das böse Altern oder das, was Frauen in der Werbung nie sein wollen: Single, sie geht die Themen durch, die aufregen, idiotische Vorstellungen in jedem Kopf wecken und jede Frau, selbst Models (denn Bilder sind ja retuschiert und Schönheit ein Marktwert) unter Druck setzten. In amüsantem Plauderton und einem ironischen Touch, so wie so ein Buch sein darf. Etwas frech, ein Augenrollen gegen die Zustände in der Welt, hin und wieder zum Lachen.

Problem Nr1 – ist eigentlich keines

Das ist absolut in Ordnung so und kommt dadurch bestimmt bei vielen gut an. Immerhin gibt es im Grunde keine Frau, die dem widersprechen würde. Das will ich auch gar nicht, dennoch störten mich zwei Punkte ungemein. Der erste ist einfach zu erklären: Jedes einzelne Teilkapitel liest sich nicht als Teil eines großen Ganzen, sondern wie viele kleine Blogartikel, die zusammengesetzt wurden. Der flippige Einstieg, die fokussierte Ausarbeitung, das persönliche Resümee am Schluss. Ich hatte nicht das Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten, sondern eher ein Heft, viele kleine Artikel in zwei Buchdeckel gedrückt. Für Zwischendurch wunderbar, zum „Runterlesen“ leider nicht geeignet.

Hier muss ich anmerken, dass die einzelnen Teile gut recherchiert und mit Quellen belegt sind. Hut ab, das habe ich manchen Pseudo-Sachbüchern schon anders erlebt. Eine gute, fundierte Arbeitsweise, die die Kompetenz der Autorin deutlich macht. Leider, und da kommen wir zu meinem zweiten Kritikpunkt, der nicht so leicht zu erklären ist, ist die Medienkritik, die hier kommen soll, eine, die immer wieder abgeschwächt wird.

Problemzonen gibt es nur in unsere Köpfen
Problem Nr2 dafür umso mehr

Ich war anfangs noch irritiert, dann genervt und am Ende fast schon böse. Da kommt dieses Buch, dass die vielen vielen furchtbaren Schönheitsideale aufgreift und enttarnt – und baut sie am Ende wieder auf. Auch die Autorin habe mit Sport wenig anfangen können, bis sie eine Möglichkeit gefunden hat, ihn doch für sich zu entdecken. Das beispielsweise sagt zwei Dinge aus: man muss nur die Richtige Art von Sport entdecken und Sport ist wichtig für die Figur. Moment. Figur? Steckt da etwa die leichte Intention dahinter, dass doch alle Frauen schlank sein wollen und sollen?

Und wesentlich früher, als es um Gesichtsstraffung geht, wird es noch kurioser. Die Autorin zeigt (zurecht) den Irrsinn, dass Hollywood Frauen nie in Rollen, die zu ihrem tatsächliche Alter passen, setzt, sie aber gleichzeitig öffentlich kritisiert werden, wenn sie sich Liften lassen. Soweit so gut. Stünde das nicht in einem Beitrag, in dem es um Schönheits-OPs und Altern geht. Warum? Statt klar zu machen, dass wir durch eben jenen Hollywood (und andere haben sich den längst abgeschaut, von Bildbearbeitung ganz zu schweigen) Trick Frauen ohne Behandlungen als alt, und hier in diesem Buch ist das mit verbraucht, ausgemustert, hässlich gleichgesetzt, verstehen, suggeriert es, dass wir Schönheits-OPs doch bitte als „normal“ akzeptieren sollen, gerade bei Schauspielerinnen (als würden wir das nicht längst).

Kurz gesagt:

Ich hatte oft das Gefühl, die Texte drehen sich vordergründlich um den Irrsinn der Schönheitsideale in den Medien, nur um immer wieder ein großes Aber einzuwerfen. Das Aber, dass jede Frau schön sein will (aus sich selbst heraus) und Schönheit so wichtig ist. Dass Schönheit generell so wichtig gemacht wird und Frauen von Kindesbeinen an gesagt bekommen, sie seien ja so schöne Mädchen oder sie sollten Lächeln, weil die dann schöner aussehen, und bloß nicht die Stirn runzeln. „Es reicht, wenn ich Falten habe“, sagt meine Mutter noch heute. Mittlerweile runzle ich dann die Stirn erst recht. Denn auch das lässt das Buch weg: Auch „Problemzonen“ sind schön. Und ja, das hatte ich irgendwie doch erwartet. Dass es nicht nur um: ‚Hier wird uns das vorgemacht‘ geht, sondern auch mehr um das Problem dahinter, statt die leichte Suggestion, dass wir doch einfach einen Weg finden sollen, mitzumachen.

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Kommentare

  1. Hey liebe Eva-Maria, vielen lieben Dank für deine Rezension. Schade, dass das Buch vom Schreibstil her nicht so deins war. Vielleicht findest du jemandem, dem du damit eine Freude machen kannst. Deine anderen Kritikpunkte scheinen mir aber so, als hättest du sehr, sehr flüchtig gelesen. Dass Sport machen nicht bedeutet, dass man schlank wird oder schlank sein muss, hat im Buch ja sogar ein eigenes Unterkapitel, das mit dem Verweis auf voluminösere Yogalehrerinnen oder Ballerinas endet. Und ja, ich schreibe, dass viele Frauen sich gern auch schönmachen wollen und nicht ihr Make-Up in die Tonne treten wollen, weil Frauenzeitschriften und Medien ein sehr einseitiges Bild zeichnen. Deshalb plädiere ich dafür, dass wir unsere eigene Schönheitsgeschichte schreiben, frei von diesen Bildern, wie eine Frau zu sein hat. Steht alles im Fazit. 🙂 Übrigens gibt es dein Beispiel, dass Mädchen eher für Schönheit gelobt werden als für Jungen auch im Buch. („Weil Eva und Maria eher gesagt wird, wie schön ihr Rock ist als den Jungen in der Kindergartengruppe“ geht es dort los.) Viele Grüße, Corinne

    • Liebe Corinne, schön, dass du dich hier meldest, das tun wenig Autoren. Ich denke, dein Buch ist ein toller Einstieg oder für Leser*innen geeignet, die sich mit dem Thema wenig beschäftigen. Ich kenne dein Fazit und die anderen Stellen. Das Problem für mich ist, dass einzelne Stellen nicht reichen, wenn der Grundtonus nicht dazu passt. Du greifst gut wichtige Punkte auf und bleibst dann an der Oberfläche. Warum das so ist und wo die eigentlichen Probleme sind – das fehlt. Wie tief der Gedanke, dass Frauen vor allem schön sein sollen in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, liegt in der Peripherie. Genauso wie die Vielfältigkeit von Schönheit, weil deine Bezüge sich (dem Rahmen des Buches geschuldet) sehr an der Norm orientieren. Ja, du erwähnst immer mal wieder, aber das erzeugt einen Randbereich, keinen Fokus. Vielleicht ist mein größtes Problem dabei: dein Buch ist eine unterhaltsame Ansammlung einzelner Beiträge, die im Rahmen eines Buches viel tiefer hätten sein können. Gerade deine fundierte Vorgehensweise zeigt mir, dass da mehr drin gewesen wäre.
      Schönheitswahn bei Kindern zeigt sich nicht nur im Röckchen, sondern in Glitzer und Farbnormierung, komplizierten Flechtfrisuren und Spielsachen, Kinder-make-up und Kleidungsschnitte. Und dass es eine übergewichtige Yoga-Lehrerin ist, aber keine glücklich übergewichtige unsportliche Deutsch-Lehrerin sein darf ( übrigens beides Klischee-Berufe ), eine Ballerina aber keine Politikerin, gehört eben doch in die Richtung „Sportlichkeit ist Norm“. Du versuchst, deine Texte versöhnlich zu stimmen – und auch das ist Stil – kommst aber dabei nicht weg vom Fleck der vorgegebenen Ideale. Und das finde ich schade, weil ich glaube, dass du es durchaus kritischer siehst.

      LG Eva

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