7.12 – Schokolade

Der Nikolaus ist wieder weg, doch geblieben ist seine Schokolade. Haufen über Haufen. Berge an Schokoriegeln. Schalen von Schokokugeln.  Wagenladungen an Pralinen, Heerscharen von Schokoladennikoläusen. Ich glaube, etwa 70% der von uns gekauften Süßigkeiten werden zur Weihnachtszeit aufgetischt. So auch bei uns.
Opas und Omas wollen sich gegenseitig übertreffen und mit jedem Familienmitglied gibt es mehr. Selbst das kleinste Muttermilch trinkende Baby bekommt Schokolade, die es nicht essen kann. „Dann isst du sie halt“, sagt mein Vater. „Mehr für den Großen“, meint die Schwiegermutter. Ich schnaufe und sammle.
Heimlich überlege ich, wie ich der schokoladigen Übermacht überlegen sein kann. Ich könnte es verschiffen und ein afrikanisches Dorf einen Monat lang ernähren. Aber nein. Sie würde  schmelzen, wahrscheinlich nicht mal über den Zoll kommen. Der Patenonkel bringt die nächste Fuhre. Deswegen habe ich keine Plätzchen gebacken. Habe nichts zu Naschen gekauft, nichts zu knabbern.
Schon sehe ich mich die nächsten Wochen am Frühstückstisch stehen. „Brot ist aus, es gibt Schokoladennikolaus“. Dicke Stücke breche ich ins Müsli. Mittags dann: „Gemüse gibt es erst wenn die Kekse gegessen sind“. Und abends serviere ich ein Schokoladensüppchen.
Wir werden dem Berg habhaft. Besteigen ihn, geben nicht auf, futtern, naschen, ruinieren unsre Zähne, von unserer Figur, unserer Gesundheit ganz abgesehen. Die Schokoladenpapierchen türmen sich in den Papiertonnen, wir tapezieren damit die Küche, das Wohnzimmer, das ganze Haus. Wie Obst aussieht, haben wir vergessen, wir trinken nur noch heiße Schokolade, sind selbst zu 90% aus Kakao.
Der Weihnachtstag ist wie eine Erlösung, ein Ende, ein Ende der Schokoladenlieferungen ist in Sicht. Monate bis Ostern. Die Kinder passen längst nicht mehr in die Kleider, die sie geschenkt bekommen sollen. Wir rollen sie zur Kirche, zur Bescherung, zum Essen mit Schokoladensoße. Alles was ich mir wünsche ist eine anständige Mandarine, sauer, fest, saftig, garantiert ohne Schokolade.
Ich schnaufe und meine Stiefmutter wird witzeln „Du hast über die Feiertage aber auch gut zugelangt“.
Und ich werde ihr Schokolade schenken.

©Eva-Maria Obermann

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