4.12 – Lorelai allein im Paket

Lorelai streckte und gähnte sich. Der Tag war lang gewesen, zu lang. Und kurz, zu kurz. Seit dem frühen Morgen hatte sie sich in acht nehmen müssen. Der Junge war laut hustend aufgewacht, wenn er denn überhaupt geschlafen hatte. Er war mit tränenden Augen und schniefend aus seinem Schlafzimmer gekommen, dort, wo sie eigentlich nicht hineingehen durfte. Doch das stapfen des Kindes machte sie unruhig. Schnell war sie am Kind vorbei gehuscht und hatte sich hinter dem Puppenhaus versteckt.

Doch die Frau hatte sie entdeckt, hatte sie verscheucht, böse zischend. „Raus, Lorelai“ „Miau“, rief Lorelai, doch sie huschte davon, verkroch sich wieder in ihrem Korb, während die Frau das heulende Kind durch das Haus trug, in den kleinen Kasten sprach, den sie sich ans Gesicht hob und das Kind, das nun eingeschlafen war, endlich wieder ins Bett brachte. Immer wieder stapften die Schritte an Lorelais Korb vorbei, mal laut und schnell, dann vorsichtig leise. Und Lorelai wollte doch nur kurz schlafen, weil der Junge schon in der Nacht so laut gehustet hatte, dass sie kein Auge hatte zutun können.

Endlich wurde es ruhiger. Die Frau hatte dem Jungen seltsames Essen gebracht, komisch riechende Flüssigkeiten, die er schlucken musste. Dann schlief er ein, schlief ganz schnell ein und blieb ruhig, endlich ruhig, so dass Lorelai aufatmete. Endlich war es ruhig. Endlich hatte die Frau sich auf das Sofa gesetzt, ein viereckiges Ding in die Hand genommen, auf das sie nun sah. Lorelai saß in ihrem Korb, legte den Kopf gemütlich auf die Vorderpfoten und schloss die Augen. Es wurde dumpf um sie, wurde neblig, wurde eine graue Masse aus Welt und Lorelai war ein ruhiges Zentrum, der Angelpunkt, die Mitte des Seins.

Noch ein Atemzug und sie war eingeschlafen.

Da schrillte der Ton, der zeigte, dass jemand an der Tür war. „Miau“, maulte Lorelai. Die Frau stand auf, warf das viereckige Ding auf die Couch und holte durch die Tür eine riesige Kiste herein. „Miau?“, murrte Lorelai und kam aus ihrem Korb. Schon war sie auf die Kiste aus Pappe gesprungen. Sie roch frisch, nach Luft, und war oben etwas feucht. Gleichzeitig aber trug sie den Geruch des Mannes, der sie zum Haus getragen hatte, roch nach einem fremdem Zimmer, nach seltsamen Gefährten und Dingen, die Lorelai sich nicht einmal vorstellen konnte. Sie rieb ihren Kopf an der Kante, um der Mischung ihren eigenen Duft beizumischen. Während die Frau etwas holte, suchte sie jede Kante der Kiste, machte sie zu ihrer Kiste. Bald war es ein vertrautes Ding, ein bekanntes Objekt, das nach ihr roch, nach Lorelai.

Die Frau kam wieder und schubste Lorelai runter. „Miau“, beschwerte sich die Katze. Die Frau schnitt die Kiste auf, holte eine weitere Kiste hervor, die sie freudig und staunend betrachtete. Auch diese Kiste roch wieder anders, ganz anders. „Miau“, gab Lorelai von sich und  beschloss der Frau die kleinere Kiste zu lassen, wo sie doch schon die große hatte. Die Frau aber rieb sich seltsamerweise nicht an der Kiste. Viel mehr holte sie buntes Papier und wickelte die Kiste ein, ganz fest, so dass sie schließlich aussah, wie eine bunte Kiste. Lorelai schüttelte den Kopf und sprang auf ihre Kiste.

Ratsch machte es, der Boden unter Lorelais Füßen gab nach, Wände schossen um sie herum aus dem Boden. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie in ihre Kiste gefallen war. „Miau“ schrie sie und suchte das Licht über sich. Da war die Frau, breitete die Öffnung auf und lachte. „Du Katze, was du für Sachen machst“, sagte sie. Mit einem Satz war Lorelai wieder draußen und flüchtete zischend in ihren Korb. Die Kiste aber war am Abend wieder verschwunden, und Lorelai war es gerade recht.

©Eva-Maria Obermann

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