24.12 – Der müde Esel

Der Esel schnaufte. Die Alte war ganz schön schwer mit ihrem dicken Bauch und den vielen Lagen Stoff, die sie umhatte. Wenigstens waren die Beutel mit dem Proviant mittlerweile leichter, weil leer. Er war seit Tagen unterwegs, hatte kaum haltmachen können, weil die beiden viel zu spät losgelaufen waren. Vor ein paar Stunden hatte Josef dann gesagt: „Wir haben es gleich geschafft, Liebes.“ Und auch wenn er dabei die Hand der Schwangeren getätschelt hat, minderte das nicht die Freude, die der Esel bei diesen Worten verspürte. Endlich anhalten, endlich rasten, endlich futtern und schlafen.

Doch dann waren sie von Herberge zu Herberge gelaufen, immer wieder hatte er frisches Stroh gerochen, das kühle Wasser schon die trockene Kehle hinunterfließen gespürt. Doch immer wieder „Nein, nein, nein, ihr kommt hier nicht rein“. Die Frau hatte schon bei der dritten Herberge angefangen, sich immer wieder zu verkrampfen. Immer stärker, dann waren leise Töne dazu gekommen, die der Esel noch nie gehört hatte. Klagend, ohne laut zu sein. Er, der Esel, hatte es gespürt, doch der Mann war viel zu beschäftigt mit den Absagen an den Herbergstüren, dem Weitergehen, dem Weiterziehen an der Schnur, die am Esel befestigt war.

Schließlich waren sie alle in den Stall geschickt worden. Nicht das, was der Esel unter einem entspannten Feierabend verstand, aber er konnte sie schlecht rausschmeißen. Die Frau konnte man sowieso überhaupt nicht mehr herumschmeißen. Die lag nun vielmehr laut stöhnend mitten im Stroh, an dem der Esel noch versuchte herum zu knabbern. Doch die Frau wurde lauter, der Mann stand ziemlich hilflos und verzweifelt daneben. „Maria? Maria, sag doch, was soll ich tun,“ sagte er immer wieder. Der Esel verdrehte die Augen und schnaubte dem alten Ochsen zu, der hinten im Stall stand und alle drei nachdenklich beobachte. Dann legte er sich hinter die Frau, sodass sie sich an ihn lehnen konnte und nun mehr im Sitzen als im Liegen stöhnte. Der Ochse kam hinzu, legte sich daneben und bewegte sich auch nicht davon, wenn die Frau unter Schmerzen in seine weiche, faltige Haut griff. Er brummte etwas, aber das war auch schon alles.

Es dauerte ein paar Stunden, die Zeit verstrich nicht schnell, der Esel knabberte immer mal wieder am Stroh, die Frau war mal leiser, mal lauter. Dann ging es wirklich los. Maria schrie kurz und dann krampfte sie zusammen, fing an zu pressen, drückte und atmete, wenn der Esel sie immer wieder kurz anstupste.

Ein lauter, hoher Schrei ertönte. Die Frau lehnte sich zurück, atmete tief ein und aus, kuschelte sich an den Esel, der nun ganz neugierig wurde. In ihren Armen lag ein kleiner, nackter Junge, der schon gierig den Ort suchte, wo er warme, erste Milch bekommen konnte. Der Esel schnaubte, sodass die warme Luft den Jungen wärmen konnte. Als der Junge getrunken hatte, kam der Mann und wickelte ihn in ein Stofftuch. Dann wiegte ihn die Frau, bis er eingeschlafen war. Als sie sich umsahen, wo sie ihn würden hinlegen können, stand der Ochse auf und zeigte mit seinen Hörnern auf die Futterkrippe. Sie legten das Kind auf ein weiteres Stofftuch in die Krippe, dass das Stroh ihn nicht so stechen konnte. Der Esel stellte sich auf seine müden Beine daneben, schnaubte den Jungen weiter mit der warmen Luft an und roch den süßen Babyduft.

Das Kind wurde immer wieder wach, schrie ohrenbetäubend laut, sodass sogar die Hirten, die mit ihren Schafen auf der Weide draußen waren, es hörten und angetrabt kamen. Schnell war der Stall voll, überfüllt sogar. Die Tore standen weit offen, kalter Wind pfiff hinein. Doch die Menschen und Tiere standen dicht an dicht, sie merkten die Kälte nicht. Der Esel konnte sich wieder hinlegen, der Junge fror nicht, ihn war eher zu warm. Seine Mutter saß neben der Krippe, hielt etwas ängstlich ob der vielen Besucher die winzige Hand des Säuglings, war nahezu froh, wenn er aufwachte und weinend nach ihrem Arm, ihrer Brust verlangte.

Der Esel seufzte, knabberte an dem Stroh und langsam vielen ihm die Augen zu. Was eine Reise, was eine Nacht. Sowas, nein, sowas hatte er noch nicht erlebt. Er sog noch einmal den Duft von warmer Babyhaut, Milch und Stroh ein, dann war er endlich eingeschlafen.

©Eva-Maria Obermann

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