2.12 Ohne wenn und Abfall – Milena Glimboviski

Am zweiten Dezember wird es hier etwas nachdenklicher und hoffentlich auch nachhaltiger. Im zweiten Türchen des #Schreibtrieb-Adventskalenders verbirgt sich ein Buch, das jeden von uns ein bisschen verändern kann.

Meine Tochter zerschneidet munter unbeschriebenes Papier in kleine Fetzen, der Opa bringt jede Woche Zeitschriften, die keiner liest mit Minispielzeug, das sofort kaputt geht, mein Sohn wünscht sich Essen vom China-Imbiss und ich habe kein Lust mehr. Keine Lust mehr auf unnötigen Abfall. Deswegen (ja, ziemlich fauler Grund), esse ich übrigens seit März kein Fleisch mehr. Ich war vor meiner ersten Schwangerschaft lange Vegetarierin und dann wegen zu hohem Eisenmangel und einer Frauenärztin, die einer Erst-Mama viel erzählen konnte, fing ich wieder an. Und irgendwann vor März platze mir der Kragen.

„Nein, ich ess das nicht“, moserte Kind eins, während Kind zwei das Fleisch durchkaute, bis es aussah wie … naja, stellt es euch besser nicht vor. Ich hatte es satt. Satt, Fleisch wegzuwerfen. Weil ich den Umstand, dass ein Lebewesen gestorben ist, damit mein Kind auf ihm herumkauen und es wieder ausspucken kann, nicht einsehe. Nahezu alles Fleisch kam aus der Küche raus. Abgesehen von uns Lebenden und ein bisschen Wurst für das Brot der Kinder. Da ist noch nie was übrig geblieben. Nach kurzer Zeit, entschloss sich mein Großer eigenständig, auch kein Fleisch mehr zu essen. Er zieht das durch, super konsequent und zielstrebig. Meine Familie schaut mich böse an, weil ich den „Unsinn“ betreibe und das Kind scheinbar „angesteckt“ habe. Ich bin einfach nur stolz. Und sehe zu, dass er anders genug Eisen und essentielle Nährstoffe zu sich nimmt.

Ohne Wenn und Abfall

Als ich auf der LitBlogCon in Köln in der Runde mit Milena Glimbovski saß, hatte ich das Gefühl, das etwas Großes auf mich zu kommt. Etwas, wogegen kein Fleisch mehr zu essen ein Witz ist. Ein Leben ohne (bzw mit sehr wenig Abfall) und drei Kindern und zwei Katzen und einem Mann. Ich nähere mich der Unmöglichkeit und hatte ehrlich Angst, das Buch zu lesen. Denn ich kenne mich und meinen Drang, mehr zu tun. Ein schlechtes Gewissen vielleicht, kontinuierlich aufgebaut, weil ich es besser weiß und trotzdem schlechter mache. Wie Fleisch essen. Oder Abfall in Massen produzieren. Danke an Milena und danke an den Verlag für mein Rezensionsexemplar. Ohne Wenn und Abfall ist bei Kiepenheuer & Witsch mit 299 Seiten im Herbst 2017 erschienen.

Die Geschichte

Milena erzählt von der Gründung ihres Unternehmens Original Unverpackt. Von dem ersten Funken der Idee und den vielen Schritten bis zur Eröffnung. Sie kennt die kleine Panik, den nächsten Schritt zu gehen, weil er groß ist. Und weiß wie klein er danach aussieht. In Köln macht sie Späße, ist grundsympathisch und beeindruckt mich. Weil sie echt ist und keine Masche verkauft. Sie glaubt an das Leben ohne Abfall. Das finde ich auf jeder Seite ihres Buches wieder. Dabei ist sie ehrlich, auch weil es hart ist. Fehlschläge, Entlassungen, den Moment, wenn das Scheitern nur einen Hauch entfernt ist – alles wird schonungslos erzählt und verkitscht die Idee nicht. Eine gesunde Portion Realismus ist darin zu finden. Die Akzeptanz, dass jeder unterschiedliche Wege geht und müllfrei auch individuell gelebt werden kann. Ich spürte beim Lesen in jedem Wort ihre Begeisterung.

Ein unverpacktes Leben hört sich zwiegespalten an. Yeah, keinen Abfall. Aber wie komme ich dann an meine Sachen? Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt und wo sollten wir alle genauer hinschauen. Auch diese Aspekte hat Milena in Ohne wenn und Abfall aufgeführt. Das macht das Buch zu keinem wertenden oder belehrenden, sondern in erster Linie zu einer Erzählung, einem Erfahrungsbericht, der Höhen und Tiefen hat. Zur Eröffnung ihres Jobs ist sie aus Müdigkeit und Zeitmangel mit dem Taxi gefahren. Sie musste lernen, dass nicht jeder Angestellte, der auf dem Papier gut aussieht, auch die Philosophie eines unverpackt Ladens durchzieht.

Besonders schön finde ich die Klarstellung, dass bei einem unverpacktem Leben jeder einen Unterschied macht und schon kleine Schritte eine große Wirkung haben können. Wenn die Autorin beispielsweise von ihrer Mitbewohnerin erzählt, die eben kein unverpacktes Leben führt, und wie sich die beiden auf Kompromisse einigen. Das ist echt und erhöht das Konzept nicht zum einzig waren Lebensstil.

Das danach

Die Geschichte von Milena und Original Unverpackt regt zum Nachdenken an. Sie ist aber nur der erste Teil des Buches. Danach kommen Tipps, Rezepte, Erklärungen. Dass dieser Part eindeutig von der Erzählung getrennt ist, fand ich sehr gut. In den Tipps habe ich einiges wiedererkannt, aber auch viel Neues gefunden. Manchmal war es mir zu viel. Weil ich an einen Punkt gekommen bin, an dem ich Probleme hätte, ein so abfallfreies Leben zu führen. Andere Dinge habe ich mitgenommen und sie arbeiten noch in mir. Beispielsweise die Frage, wie ich ohne meine Plastikdosen meine Lebensmittel einfrieren könnte und ob es eine brauchbare Alternative gegenüber Plastikflaschen für Kleinkinder gibt. Das ist auch der Punkt, wo meine größte Kritik einsetzt: Die Vorschläge und Tipps sind alle toll und relativ einfach umzusetzen, wenn keine (kleinen) Kinder im Haushalt sind oder man zentral in einer Großstadt lebt.

Nun habe ich aber drei Kinder, von denen zwei unter sechs sind und lebe in einer Kleinstadt. Als ich meiner Mutter von dem Buch erzähle und dass etwas entfernt in Mannheim ein Laden aufmacht, sage ich, es rentiert sich nicht, dort zum Wocheneinkauf hinzufahren. Weil wir mit dem Auto fahren müssten, um alles mitzunehmen, was wir so als große Familie alles brauchen. Und schon wäre der positive Effekt dahin. Hin und wieder will ich dort auf jeden Fall vorbei schauen, aber eine Wagenladung kann ich mit dem Zug einfach nicht transportieren und für einen täglichen Einkauf so lange unterwegs zu sein, fehlt mir die Zeit. Und in unserer kleinen Stadt sind leider viel zu viele Menschen nicht dazu bereit, für die Umwelt oder unseren Planeten einen Schritt zurück zu treten. Hier könnte so ein Laden nicht überleben.

Bienenwachspausenbrotpapier findet sich beispielsweise auch im Onlineshop von Original Unverpackt, dem Laden von Milena Glimbovski
Kein Schnitt

Noch dazu sind einige wirklich tolle Ideen nicht so einfach umzusetzen. Im Buch schreibt Milena von einer Freundin, die Stoffwindeln benutzt. Meine Kinder sind mittlerweile zum Glück windelfrei, aber vorher wäre eine solche Auswahl mit unserer KiTa bestimmt nicht so einfach gegangen. Auch die Tipps für Körperpflege finde ich hochinteressant. Davon anwenden kann ich wegen meiner chronischen Hauterkrankung leider nur die wenigsten. Das frustriert, ich gebe es zu. Es demotiviert mich jetzt schon, zu wissen, dass ich so viele Kompromisse machen muss. Andererseits ist ein Komposthaufen seit ich auf der Welt bin, teil meines Lebens. Ich benutze Verpackungsmaterialien gerne wieder und lasse im Garten Kräuter und Nahrungsmittel wachsen. Wenn ich kann, kaufe ich frisches Obst und Gemüse auf dem Markt und ich erkläre meinen Kindern, was das Problem an Plastik ist.

Diese Mischung an positiven Aspekten in meinem Leben und Hürden auf dem Weg zu weniger Abfall, habe ich schon beim Lesen entdeckt. Auch wenn ich nicht alles tun kann und vielleicht nie so wenig Abfall produziere wie Milena allein in Berlin, kann ich einen Anfang machen und weniger produzieren. Kleine Schritte, keinen Schnitt.

Das gleiche empfiehlt Milena im Hinblick auf Minimalismus. Wo weniger ist, fällt weniger Abfall an, wer weniger „braucht“ – oder nur das kauft, was er wirklich braucht, hat ebenfalls weniger Müll. Sinnvolle Strategien, die gerade mit Kindern eine Mammutaufgabe werden. Nicht, weil die Kinder immer mehr wollen, sondern weil die Erwachsenen immer mehr schenken. Tatsächlich sind Kinder schon mit wenig sehr glücklich zu machen und mit gemeinsam verbrachter Zeit, einem Kinobesuch oder einem Ausflug ins Museum, viel nachhaltiger zu erfreuen, als mit einem Spielzeug, das nach zehn Minuten in der Ecke landet und dann von Mama mit wütendem Blick in den Schrank gestellt wird. Denn einfach weggeben kann man es ja auch nicht, es wurde ja von jemandem geschenkt.

Weihnachten ohne Abfall?

Wovor es mir aber graut, ist Weihnachten, wenn Omas und Opas mit Bergen an Geschenken anrücken und ich ganze Säcke voll Geschenkpapier habe. Das ist teilweise beschichtet und eben kein „normales“ Papier. Und dann kommt die Verpackung der Produkte, die verschenkt wurden ja noch obendrauf. Ich wimmere leise bei dem Gedanken. In der Facebookgruppe, die wie das Buch Ohne Wenn und Abfall heißt, habe ich den Tipp gelesen, schöne Bilder aus Prospekten auszuschneiden, die sonst in den Müll wandern, und darin Geschenke einzupacken. Ob mit Plätzchen oder Weihnachtsbildern – große Anzeigen gehen auch mal über zwei Seiten und eignen sich dafür gut. Oder ein Geschenkpapier aus einer alten Herbstvorschau? Das lässt Bücherherzen bestimmt höher schlagen.

Ansonsten rate ich auch für Erwachsene gerne zu nachhaltigeren Geschenken, wie gemeinsamen Unternehmungen oder einem guten Buch (was könnte mehr Freude bieten. Wir haben alle so viel – eigentlich brauchen wir nicht MEHR. Jedenfalls nicht mehr Dinge, sondern mehr von uns. Schenkt Lieben, die weit entfernt sind, einen Tag, an dem ihr sie besucht und ganz für sie da seid, backt mir eurer Oma Kuchen oder macht für ein paar Tage alle elektronischen Geräte aus und verbringt die Zeit mit eurer Familie.

Was ihr heute gewinnen könnt:
ein schmales Büchlein mit großer Wirkung: Fünf Leute, fünf Euro, ein Tag

Milenas Buch werde ich so schnell nicht hergeben, tut mir Leid, aber ich habe ein kleines Schätzchen gefunden, in dem auch viele Tipps zu finden sind. Wie man selbst Körperpflegeprodukte herstellt oder Reinigungsmittel, und wie der Konsum aus dem Alltag gedrängt werden kann, könnt ihr in Fünf Leute, fünf Euro, ein Tag von Stefania Rossini nachlesen. Hinterlasst mir einfach einen lieben Kommentar und ihr landet im Lostopf.

Teilnahme ab 18 oder mit Einverständnis eines Erziehungsberechtigten, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Der Gewinn kann nicht in bar ausgezahlt werden. Leser meines Blogs, die mir folgen und teilnehmen, bekommen ein Los extra. Generell habt ihr bei jedem Türchen die gleiche Chance, zu gewinnen. Das Gewinnspiel für den Gewinn zum 01.12.17 beginnt mit diesem Post und endet am 04.12.2017, 23:59.

Kommentare

  1. Und auch hier ein „Hallo“ von meiner Wenigkeit. Ich will mich hier nicht für das Buch bewerben und gebe somit anderen die Chance ins Lostöpfchen zu hüpfen. Möchte mich nur für den tollen Beitrag bedanken. Ich versuche schon länger so wenig Abfall wie möglich zu produzieren, was keinesfalls leicht ist mit all den Verpackungen, die allein von den Supermarktprodukten anfällt. Hier nehme ich einfach nur meine eigene Einkaufstasche und Papiertüten für Obst und Gemüse mit. Wenn ich Getränke kaufe dann in Glasflaschen, aber meist trinke ich sowieso nur Leitungswasser oder Tee.
    Mein Duschgel, Shampoo und dergleichen mische ich mir auch oft selbst und derzeit bin ich dabei geeignete Wolle für Putztücher und -Schwämme zu suchen.
    Meine Weihnachtsgeschenke werden schon seit paar Jahren in abbaubares Packpapier verpackt. Nur bei schönen Schleifen kann ich einfach nicht Nein sagen.
    Ich trage vielleicht nicht viel bei, aber zumindest ein bisserl 😉
    Vielen Dank nochmals für Deinen augenöffnenden Beitrag.
    Liebe Grüße aus dem Nachtdienst
    Conny

  2. Hallöchen Eva, eine tolle Rezension und ein sehr spannendes Thema.
    Ich habe sehr oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich Fleisch esse, auch wenn ich versuche nur noch beim Metzger genau die Menge zu kaufen, die ich auch wirklich brauche. Dadurch dass ich oft unterwegs bin und keinen so geregelten Alltag habe, verderben mir auch manchmal Lebensmittel und ich hasse es. Ich hasse es, Lebensmittel zu verschwenden oder wenn es im Supermarkt nur Gurken in Plastikfolie gibt.
    Aktuell habe ich leider keine Kraft und Nerven mich konsequent vegetarisch zu ernähren, dafür müsste ich mein Leben und meine Mahlzeiten besser planen. Bald macht in Bamberg aber ein Unverpackt Laden auf und ich freue mich schon, denn viele Dinge packe ich eh in wiederverwendbare Behälter um und gerade Mehl, Nudeln, Zucker o.Ä. werde ich ihn Zukunft dort kaufen!
    LG

    • Es gibt eben viele unterschiedliche Wege. Die vegetarische Ernährung fällt mir nicht schwer und macht auch keinen Stress, andere Punkte kosten mich hier aber einfach zu viel Zeit und auch Geld, aber ich glaube auch hier kann ich ein paar Sachen leicht ändern, wenn ich meine Gewohnheiten umstelle. Lg

Ich freu mich über eure Meinungen