15.12 – Lorelai allein im Zimmer

Lorelai streckte sich und gähnte. Der Tag war lang gewesen, zu lang. Und kurz, zu kurz. Am Morgen war die Frau mit den Kindern durch das Haus gerannt. Den Jungen hatte sie hinter sich her gezogen. Das kleine Ding, dass zu Lorelais Leidwesen gerade gelernt hatte, zu krabbeln, hatte sie auf dem Arm gehabt. Ehe Lorelai wusste, wie ihr geschah, waren sie an ihrem Korb vorbeigestapft, hatten sie trampelnd aus dem Schlaf gerissen.

„Schnell, schnell, heute ist Fototermin“, sagte die Frau immer wieder, strich dem Jungen das Kopffell mal in die eine, mal in die andere Richtung, zog dem Kleinen das lange Hemdchen immer wieder noch länger. Fell hatte es noch gar keines. Genauso wenig wie Zähne. Aber kleine, flinke Finger, die zu gerne nach Lorelais Fell griffen. Sich selbst malte die Frau mit der freien Hand vor dem Flurspiegel die Lippen rot an. „Schnell, schnell“, sagte sie und übersah Lorelais leeren Futternapf.

„Miau“, murmelte Lorelai verschlafen, doch die Frau steckte das Kleine in eine dicke Jacke, zog ihm eine noch dickere Mütze auf und stülpte schließlich wollige, weiche Schühchen, an die Lorelai sich zu gerne kuscheln würde, über die kleinen Füße und setzte das Kind dann auf den Boden. Der Junge stopfte sich selbst etwas unbeholfen in seine Jacke, die Frau schlüpfte schnell in ihre. Doch die kurze Zeit reichte dem Kleinen, sich auf die Knie zu bringen und in Richtung Katzenkorb zu machen, aus dem Lorelai noch immer nicht aufgestanden war. Sie duckte sich zurück, presste sich an die hölzerne Wand hinter sich. Gleich würde das Kind sie fassen, in ihre Fell greifen, daran reißen, nicht aufhören, wenn Lorelai fauchte, reißen, bis Lorelai nichts anderes übrig bliebe, als sich zu verteidigen. Je nachdem, wie sehr es schmerze, würde sie mit der Tatze hauen, vielleicht sogar mit ausgefahrenen Krallen, im schlimmsten Fall sogar beißen. Das wollte sie nicht. Es roch gut, immer gut, das Kleine. Es musste noch geschützt werden, wusste noch nicht, was es tat. Lorelai schloss die Augen.

„Nein, nein, lass die Katze in Ruhe“, erlöste sie da die Frau, griff das Kind, nahm es hoch. „Nicht der Katze weh machen, Schatz. Nein, nein, das ist böse!“. Und sie griff nach der Hand des Jungen, öffnete mit dem Ellenbogen die Haustür. Ein eiskalter Zug wehte herein, dann waren sie weg, die Tür war geschlossen, Lorelai war allein. Sie atmete aus und lugte aus dem Korb hervor. Es dauerte einen Augenblick, ehe sie sah, dass die Wohnzimmertür offenstand. Der Junge musste hineingegangen sein, oder die Frau selbst. Sie hatte es gar nicht bemerkt, die Gefahr hatte sie abgelenkt. Doch nun sah sie es. Mit einem Satz war sie aus dem Korb. „Miau?“, sagte sie testweise. Nichts geschah. Keiner war da. „Miau?“

Sie schlich langsam näher, drückte mit der Tatze leicht an die Tür, die bereitwillig nachgab, zurückwich, sich weiter öffnete und das große Zimmer allein für Lorelai zeigte. Da war die weiche Couch, die warme Fensterbank, der gemütliche Kratzbaum. Da neben stand nun ein großes Gitter, hinter das die Frau das kleine Kind zu setzten pflegte, wenn sie die Hände frei haben wollte. Dort gab es Krümel der feinsten Sorte. Normalerweise schaffte Lorelai es nie da hinein. Immer war die Frau zur Stelle. „Nein, Katze, nein, raus da“, und sie scheuchte Lorelai durch das Zimmer hinaus in den Flur. Doch nun. „Miau?“ Schon war Lorelai hinein gesprungen. Es roch nach dem kleinen Kind, nach saurer Milch und Brezelresten. Sie schnupperte über den weichen Boden und schleckte hier und da Leckereien auf. Dann legte sie sich auf die Fensterbank, wo der Mann ihr eine kleine Decke hingelegt hatte. Von unten zog Wärme hoch und ehe sie sich versah, war sie eingeschlafen.

Doch nach kurzer Zeit war sie wieder wach. Vor dem Fenster fuhren die großen, brummenden Kästen vorbei, in die die Menschen so gerne stiegen. Sie waren laut und machten einen unerhörten Krach. Manchmal waren nur wenige Kästen unterwegs, dann konnte Lorelai schlafen, doch gerade brummte und quietschte es ohne Unterlass. Lorelai blickte um, und sah den Kranz. Die Frau hatte ihn hingestellt. Grüne Zweige, die nach Wald rochen, waren da. Und große rote Stangen, die manchmal angezündet wurden und dann hell brannten. Jetzt waren sie aus. Lorelai war fasziniert von den Stangen. Das Feuer machte ihr Angst und zog sie doch an. Und nun, ohne Feuer, stellten sie gar keine Gefahr mehr da. „Miau“, machte sie sich Mut und sprang auf den Tisch. Einen Moment hielt sie inne. Immer, wenn sie nur Anstanden machte, auf den Tisch zu springen, schrie die Frau laut „Nein“, so dass sogar das kleine Kind schon angefangen hatte zu weinen. Doch nun. Stille. „Miau“, sagte Lorelai abermals und näherte sich geduckt dem Kranz. Der Geruch des Waldes stieg ihr in die Nase. Vor ihrem inneren Auge wuchs ein dichter Nadelwald. Und da, da war der dumpfe Geruch der Stangen, etwas cremig und neblig. Oben hatten drei schon einen schwarzen Stiel, die letzte einen weißen. Die dunklen Stiele rochen nach Ruß, nach Feuer, nach Gefahr. Lorelai streckte sich, schnupperte an ihnen. Schließlich streckte sie vorsichtig die Pfote aus, tätschelte die Stange, stupste sie an, stupste abermals, die Stange verlor den Halt, wackelte und fiel schließlich stumm auf den weichen Boden. Lorelai starrte sie an und sprang hinterher.

Sie stieß die Stange mit der Pfote an. „Miau“, sagte sie. „Miau“. Doch die Stange blieb liegen, sprang nicht mehr auf den Kranz zurück. Da hatte Lorelai von draußen Schritte gehört, den Schlüssel. Sie sprang vom Tisch, huschte aus dem Zimmer, versteckte sich in ihrem schützenden Korb, keine Sekunde zu früh. Die Frau kam herein, das kleine auf dem Arm, den Jungen hinter sich. „Lorelai“, sagte sie drohend und sah sofort das offene Zimmer. Ein Blick hinein und sie hatte die Kerze gesehen, hatte Lorelai durchschaut, hatte mit ihr geschimpft, während sie die Kinder ausgezogen hatte und war mit den Kindern im Zimmer verschwunden, die Tür fest hinter ihnen verschlossen. Lorelai seufzte. Es würde dauern, bis sie wieder hinein würde können.

©Eva-Maria Obermann

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