(01.12) Welt unter Sechs – Beile Ratut

Herzlich Willkommen beim ersten Türchen im Schreibtrieb-Adventskalender. Ihr wollt mitmachen? Dann lest weiter!

Wer sich mit der Mutterfigur beschäftigten, darf auch den Vater nicht außer Acht lassen. Darum hat mich Welt unter Sechs der Finnin Beile Ratut (die in Deutsch schreibt) beim ersten Blick auf den Klappentext sofort fasziniert („Bestimmung als Mann, als Liebender, als Vater“ steht da). 184 Seiten fasst die Sammlung von drei Erzählungen, erschienen 2015 im Ruhland Verlag.

Die drei Erzählungen der Autorin handeln von Männern, die gestrandet sind. Nicht wortwörtlich, sondern viel mehr metaphorisch, gestrandet in ihrem Leben, dass sie nicht mehr begreifen, dessen Herr sie nicht mehr sind. Sie sehen sich zwischen ihren Ehefrauen und Kindern, ihren Berufen und Freunden und suchen ihren Platz, obgleich sie alle nicht mehr jung sind. Ihre eigene Männlichkeit stellen sie infrage, indem sie ihre Welt infrage stellen.

Der Ehemann, der eine geradezu kafkaeske Verwandlung mitmacht und sich selbst nicht mehr erkennt. Er zweifelt an sich und überträgt diesen Zweifel auf seine Ehefrau, die er nicht verstehen kann, weil sie seiner Welt so fremd scheint. Erst ihre Dominanz kann ihm sein Selbst, seine Männlichkeit wiedererkennen lassen und ihn nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu ihr zurückführen. Oder der Vater, dessen engelgleicher Sohn verschwunden ist, und der in sich ein schuldvolles Geheimnis trägt. Weil er den „verweichlichten“ Jungen zum Mann machen wollte, ihn retten wollte und dessen Selbst nicht in sein Bild vom Mannsein einordnen konnte, tut er etwas, was selbst ungesagt bleibt und dessen Schrecklichkeit nur erahnt werden kann. Erst die Frage nach der eigenen Position in dieser Männlichkeitsdebatte lässt ihn seinen Fehler einsehen – zu spät zwar, aber erkennbar. Und der Suchende, der ewig sich selbst und seinen Platz sucht, der weder wirklich Ehemann sein kann, noch Vater, und es auch nicht will. Zuletzt lebt er mit der Erinnerung seiner Fehler und allem, was hätte sein können, im Wissen, was er verloren hat.

Die dritte Geschichte finde ich persönlich am Schwächsten. In der Ich-Perspektive geschrieben entsteht für mich wenig Identifikationsfläche und die Erzählerfigur verblasst. Auch die Handlung selbst finde ich weniger stark, als die vorangegangenen. Die erste Geschichte dagegen pendelt zwischen einer kühlen Beschreibung und einer lebhaften Liebesgeschichte, gerade so, dass Spannung erzeugt wird, aber keine erschlagende. Die Suche nach sich selbst, die erst im Finden des Anderen Erfolg hat, ist hier wundervoll erzählt, die dazugehörige Wandlung des Protagonisten und die stille Natürlichkeit der Frau ist beinahe schon an eine weibliche Naturmythologie geknüpft. Kultur gegen Natur, Kopf gegen Herz, ein scheinbarer Kampf, der doch so einfach zu lösen ist. Bewegend auch die zweite Geschichte, die des Vaters, dessen Sohn ihm zu wenig männlich vorkommt. Das dunkle Geheimnis wird in Wellen aufgedeckt und kreist mit wiederholenden Formeln durch die Geschichte.

Allen Erzählungen gleich ist dabei die Verknüpfung von eigenen Erlebnissen der Protagonisten und ihren Handlungen. Die Wiederholung der Taten der Väter beispielsweise, das Zugehörigkeitsgefühl zum Männerbund der Freunde, das über die Verbundenheit zur Frau hinaus geht. Und immer wieder die Suche nach dem eigenen Platz und das Erkennen, dass genormte Werte im Wandel stehen und alte Regeln nicht mehr gelten.

Etwas fragwürdig bleibt für mich, dass eine Autorin hier versucht, die Empfindungen von älteren Männern einzufangen und dabei am Rande des Klischees agiert. Der gelungene Stil und die tiefgreifenden Charaktere vertrösten darüber hinweg, dass die Figuren zu Beginn der Erzählungen sehr eindimensional sind und sich erst durch den Verlauf entfalten können. Vielleicht finde ich auch darum die letzte Geschichte am schwächsten. Der Ich-Erzähler ist bereits geläutet und steht quasi abseits seiner eigenen Fehler, was den Wandlungsgedanken in den Hintergrund setzt.

Ein interessantes Buch, dass die Suche nach der Männlichkeit zwar nicht mit neuen Motiven ergänzt, aber durch drei gelungene Erzählungen es schafft die Vielseitigkeit dieser Suche aufzugreifen.

Aufmerksam gewesen? Schreibt mir in euren Kommentar, was ihr unter Männlichkeit versteht und gewinnt ein nagelneues Exemplar von „Welt unter Sechs“.

Teilnahmebedingungen:
– Das Gewinnspiel läuft bis zum 01.12.2015 um 23:59 Uhr.

– Die Gewinner werden per Losverfahren ermittelt.
– Nur Teilnehmer mit Wohnsitz in der EU
– Teilnahme ab 18, oder mit Erlaubnis der Eltern
– Keine Barauszahlung des Gewinns.
– Kein Ersatz beim Verlust auf dem Postweg.
– Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
– Persönliche Daten werden nur für das Gewinnspiel verwendet und anschließend wieder gelöscht.

Kommentare

  1. Beate Bertling

    Unter Männlichkeit verstehe ich eine Person die selbstsicher und in seiner Person gefestigt ist , mit beiden Beinen im Leben steht , der für seine Partnerin Hilfe , Unterstützung und Stärke ist . Der Bruder , Freund und Geliebter ist , auf den man sich in allen Lebenslagen verlassen kann 🙂

  2. Rose

    Hallo Eva,
    fast wöchentlich war ich auf deiner Seite stöbern, habe deine Beiträge verfolgt und gelesen, nicht immer blieb Zeit für Kommentare.

    Zu deiner Frage, was ich unter Männlichkeit verstehe:
    Nun, ein Mann muss nicht immer den Starken spielen, sich stets beweisen wollen.
    er muss auch einmal (traurige) Gefühle und auch Tränen zulassen und sein Befinden ehrlich zum Ausdruck bringen, sich auch mal etwas (von s/einer Frau)sagen lassen, ihr ein gleichwertiger Partner sein. Helfen und helfen lassen…. gegenseitiges Geben und Nehmen, sich verstehen gehört für mich ebenso zur Männlichkeit wie Stärke und Schwäche.
    Danke für die tolle Rezension des Buches.

    LG und eine schöne Adventszeit
    Rose

  3. Katja

    Hallo und vielen Dank für diesen tollen Adventskalender und die tolle Verlosung! Unter Männlichkeit verstehe ich Stärke, Mut, Rückgrat, Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit.

    Viele liebe Grüße
    Katja

  4. Verena Saile

    Hallo zusammen,

    dann versuche ich heute mal mein Glück. Männlichkeit bedeutet für mich: Dominanz, Mut, Risikobereitschaft und Abenteuerlust. Selbstverständlich sollten diese Eigenschaften nicht den Charakter dominieren. Sie sollten alle ausgeglichen sein.

    Gruß Verena

Ich freu mich über eure Meinungen